Faßt man diese Entwicklung in kurzen Worten zusammen, so darf man sagen,
daß Medicus' Anschauungen ursprünglich Laienwissenschaft waren, Laien—
wissenschaft, die dann, vielleicht weil sie nicht eigenwüchsig genug war, vielleicht
auch, weil sie zu allein stand, im Kampf um die geistige Selbstbehauptung gegen—
über der Schulwissenschaft sich preisgibt und dem Dogma der internationalen
Wissenschaft unterliegt. — Laienwissenschaft meint dabei eine Wissenschaft, die
um das ursprüngliche Erlebnis der Natur weiß und es gelten läßt als Teil der
Erkenntnis, meint jene Art zu denken, die wir als schöpferischen Realismus für
wesenhaft deutsch halten.
In dieser Ausdeutung bekommt aber der Kampf, den Friedrich Casimir
Medicus erfolglos kämpfte, für uns einen tiefen Sinn: wohl haben seine Aus—
einandersetzungen mit den naturwissenschaftlichen Problemen des 18. Jahr—
hunderts die biologischen Fragen seiner Zeit zum Inhalt, die Frage nach der
Pflanzensexualität, die Frage nach einer Pflanzensystematik und die Frage nach
dem Wesen des Lebens. Das diese Frage überspannende Problem aber ist der
ewige Gegensatz in der deutschen Geistesgeschichte, der Gegensatz zwischen scho—
lastischer internationaler Wissenschaft und schöpferischem Denken. Über die Tragik
des menschlichen Schicksals hinweg bedeutet uns also damit das Leben und das
Wirken des Friedrich Casimir Medicus einen Einblick in die geistesge—
schichtliche Lage des 18. Jahrhunderts. Es wird deutlich, daß die soviel
gepriesene Erneuerung der Naturwissenschaft am Ende der Renaissance nur eine
kurze Befreiung, eine kurze Besinnung auf die Wirklichkeit war, daß die ver—
meintliche Befreiung aus der Scholastik des Mittelalters nichts anderes war, als
die Ablösung einer international-kirchlichen Wissenschaft durch eine internationalhumanitäre
Wissenschaft, die Ablösung eines theologischen Oogmatismus durch
einen rationalistischen und formalistischen Oogmatismus. Das 18. Jahrhundert
ist bereits volllommen beherrscht von dieser Wissenschaft, die nicht minder eng
und scholastisch war, als die nominalistische Wissenschaft des Mittelalters.
Diese dogmatische, rationalistische Wissenschaft hat sich im wesentlichen be—
hauptet bis heute. Wohl haben in einzelnen kurzen Aufbrüchen neue Anschau—
ungen, gleich ob aus rationalistischem oder realistischem Oenken geboren. Raum
finden können.
Hatte aber dieses Neue erst Boden gefaßt und Geltung bei der Schulwissen⸗-schaft
sich erworben, dann wurde es umgeprägt zu toter Dogmatik, die erst wieder
einmal durch Jahrzehnte realistisches Denken tyrannisierte. Die Geschichte
zeigt dies gleich deutlich wie die Gegenwart. Echte deutsche Wissenschaft, aus der
ursprünglichen Art der Deutschen hervorbrechend, anerkennt aber nie Dogmen.
Sie schaut zur Natur und steht in Ehrfurcht vor der Erscheinung, die ihr gültig
ist und deren Sinn sie erforschen will.
Anhang.
Die vorliegende Arbeit ist das Teilergebnis einer im Saarpfälzischen Institut für
Landes- und Volksforschung in Kaiserslautern durchgeführten Untersuchung über die
Kameral-Hohe-Schule zu Lautern. Friedrich Casimir Medicus ist die hervorragendste
Persönlichkeit an dieser Schule; seine Bedeutung erhellt allerdings nicht allein aus seinen
volkswirtfchaftlichen Arbeiten und seinen Bemühungen um die Schule. Man muß viel⸗
mehr auch die naturwissenschaftlichen Untersuchungen von Medicus einer eingehenden
Würdigung unterziehen. Der Umfang dieses botanischen Schaffens ließ es zweckmäßig
erscheinen, Medicus in einer besonderen Arbeit als Botaniker zu behandeln, zumal eine
solche Untersuchung bei der Vielseitigkeit des Inhalts seiner Arbeiten einen umfassenden