man sich gegenseitig, in den Lehrbüchern schreibt der eine vom andern ab, und
niemand geht auf die Quellen zurückis). Wer müßte bei diesen Schilderungen
uͤcht an die jüungste Vergangenheit denken, etwa an die Art, wie die relativistische
Physik ihre Vormachtstellung erobert und behauptet hat.
Daß aber Medicus recht hat mit dieser anklagenden Schilderung der wissenschaftlichen
Verhältnisse seiner Zeit, beweist sein eigenes Schiclsal am besten. Ihn
hat der Kampf mit der dogmatischen Wissenschaft, den er als Oreißigjähriger
»egann, vorzeitig geistig zerbrochen. Er wurde nicht nur selbst im Alter zum
nüchternen Empiristen, sondern seine Schaffenskraft überhaupt verfiel. Was
Medicus im Alter geschrieben hat, läßt dies deutlich erkennen. Allerdings kam
hier auch noch ein äußerer Umstand hinzu: ODen größten Teil seiner botanischen
Untersuchungen verlor Medicus bei der Vernichtung des botanischen Gartens
1795. Die geistige Erlahmung indes setzte schon früher ein und ist schon deutlich
»emerkbar in der bereits erwähnten Abhandlung über die Frage, ob Linné
richtige Vorstellungen über die Pflanzensexualität gehabt habe.
Nach der Schrift über die Geschichte der Botanik seiner Zeit hat Medicus
keine geschlossene Abhandlung zur Frage der Pflanzensystematik mehr veröffentlicht.
Als er nach der Vernichtung seiner wissenschaftlichen Aufzeichnungen neue
Untersuchungen begann, wandte er sich, ausgehend von der Frage des Brennholzmangels,
zunächst forstwirtschaftlichen Problemen zu und schrieb zur Verteidigung
seiner Lieblingsidee die fünf Bände seiner Zeitschrift „Unächter Acacienbaum“a7).
Erst später wandte er sich, augenscheinlich auf Veranlassung seines Sohnes,
wieder mehr rein botanischen Untersuchungen zuss). Oas Ergebnis dieser Zeit
ind die „Beiträge zur Pflanzenanatomie“ und die „Pflanzenphysiologischen Ab—
handlungen“. Während diese letztere Schrift in drei Bändchen vor allem Neu—
drucke früherer Arbeiten enthält, werden in den pflanzenanatomischen Beiträgen
meist Gedanken, die bereits in früheren Schriften kurz ausgesprochen sind, in so
ausführlicher Form behandelt, daß über der Breite die wenigen guten und neuen
Beobachtungen, die die Ausführungen enthalten, fast ganz verloren gehen. In
manchen Fällen enthalten die Ausführungen auch nichts weiter, als die Wieder—
holung von Erkenntnissen, die bereits Besitz früherer Generationen waren, und
die nur infolge der Einseitigkeit der Linne'schen Botanik in Vergessenheit ge—
raten waren. Als kennzeichnend füͤr den alten Medicus erwähnen wir nur die
Abhandlung: „Über die Saftbewegung im Pflanzenreich“a9), die sich darauf be—
schränkt, das zu wiederholen, was vor mehr als anderthalb Menschenaltern
bereits von Hales ausgeführt worden war.
Beschauen wir rüdblickend noch einmal das Leben dieses Mannes, so
erkennen wir, daß er zunächst mit einer unbefangenen Ursprünglichkeit
an die Natur herantritt und wie selbstverständlich sich auflehnt gegen jeden toten
Mechanismus und formalen Empirismus. Ganz deutlich ist diese Haltung in den
Abhandlungen über die Pflanzensexualität und über die Lebenskraft, aber auch
noch in den botanischen Beobachtungen von 1782, spürbar. Aus dieser ursprüngichen
Haltung heraus gerät Medicus in eine Gegensätzlichkeit zur herrschenden
Zeitlehre und zu Linné. Je länger er sich aber mit der Wissenschaft seiner Zeit
auseinandersetzt, desto mehr verliert er seine Ursprünglichkeit; er eignet sich die
Methoden der Schulwissenschaft an, und läßt sich schließlich auch von
hrem Denken gefangen nehmen. Alles Schöpferische ist an seinem Lebensabend
in ihm zerbrochen, er resigniert und wird in dieser Resignation Mechanist und
Empirist. Zwar bleibt er auch jetzt noch der Gegner Linnes. Aber welch Unter—
— —
rormalen Gründen und aus — Bitterkeit.