Sexualität der Pflanzen nicht gefunden habe, eine Ansicht übrigens, die erst in
jüngster Zeit wieder vertreten worden ist. Die Ansicht, daß Linné diese Beweise
gebracht habe, gründet sich nach Medicus auf Linnes eigene Schriften, „wo er
unter dem geborgten Namen seines Schülers Woehlboom, an die Dissertation
sponsalia plantarum, sich selbst diese Verdienste gegeben habe“. Medicus dagegen
behauptet, daß Linné zwar von der Sexualität gewußt, aber weder von den
männlichen oder weiblichen Werkzeugen, noch derselben Feuchtigkeiten, irgend
eine Kenntnis gehabt habem.
Wir können bei dieser Polemik gegen Linné nicht an der Frage vorübergehen,
ob die Gegnerschaft äußerlich, zufällig bedingt gewesen ist, oder ob sie tiefere
Gründe hatte. Wir meinen, daß in ihr eine innere Auflehnung gegen die
wissenschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit zum Ausdruck kommt, und
wichtiger als die persönliche Gegnerschaft und die menschlichen Vorwürfe gegen
Linné — die Medicus übrigens kurz vor seinem Tode in gewisser Weise wider—
rufen hat!) — ist uns daher die in der Auseinandersetzung deutlich werdende
Lage der Zeit. Medicus verwahrt sich dagegen, daß vor Linné nur ein Chaos in
der Botanik gewesen sei, denn diese Ansicht sei eine Beleidigung vieler großer
Männer, und stellt fest, daß auch nach Linné noch viele Unklarheiten vorhanden
seien. Oftmals seien Botaniker gezwungen gewesen, getrocknete Pflanzen oder
Kupferstiche an Linné zu schicken, „damit er bestimmen möge, welchen Nahmen
er denselben beigelegt habe. Was soll man aber itz anfangen, da das Orackel tod
und das Neue nichts taugt?“8) An anderer Stelle klagt er über die unglücklichen
Fesseln, womit Linné die Beobachter an seine Launen und Grillen angeschmiedet;
ein jeder werde ausgepfiffen, der diese Launen und Grillen nicht für unumstößliche
Wahrheit annehme. „Man muß doch endlich einsehen, daß Linné der Mann
nicht war, wofür ihn viele ausgegeben, ja sie werden auch endlich fühlen, daß
seine orthodoxen Anhänger es ebensowenig sind, wenn sie sich schon in gelehrten
Zeitungen einander wechselseitig loben“ .
Vornehmlich in Murray sieht Medicus einen Hauptträger des wissenschaftlichen
Oespotismus seiner Zeit. „Seit der Zeit, daß Deutschland das Unglück
gehabt hat, daß der Schwede Murray der Göttingischen Lehrstuhl der Kräuter—
wissenschaft erhielt, fing dieser Despotismus an. Murray war nichts weniger als
ein Mann von Genie, noch weniger war er Kräuterkenner; sein ganzes Verdienst
war, daß er die Linnéische Sprache, das Linnéische System und alle Linneischen
Eigenheiten vollkommen kannte. Hiermit verband er seine eigenen Eigenheiten,
dann einen unbegränzten Stolz, selbst eine große Rolle zu spielen; und da er in
sich selbst den Stoff nicht fand, übernahm er die dicht darunter stehende Rolle,
jene eines Orthodoxen. Hiermit verband er einen unbegränzten Fleiß, Zierlichkeit
des Stiehls, und so erwarb er sich auf seinem Standorte, wo Wenige waren, die
ihn als Kräuterlehrer beurtheilen konnten, durch die anderen Attributen, Beifall“.
Unermuͤdlich tritt Medicus gegen diesen Oespotismus auf und stellt dagegen
den Ruf des Bacon von Berulam, nicht den Büchern zu glauben, sondern die
Natur selbst zu fragen: Seit 1782 habe er angefangen, sich diefem Oespotismus
zu widersetzen, Freiheit der Meinungen zu verlangen, vorzüglich aber die Freunde
der Kräuterlehre zur Beobachtung der Natur zurückzuführen. „Ich werde daher
fortfahren, wie ein gerader Mann deutsch und bestimmt zu reden“.
Sas Wesen und die Wirkungsweise einer dogmatischen Wissenschaft werden
von Medicus treffend gekennzeichnet: Gegner werden totgeschwiegen, Einsprüche
überhört und offenbare Unrichtigkeiten und Unstimmigkeiten stillschweigend bei—
seite gestellt; es werden Schulen gebildet, die Schüler werden durch „Ordensverteilung“
an die Lehrer gefesselt. In den wissenschaftlichen Zeitschriften lobt