Full text : 2.1938 (0002)

Dogmatismus einer internationalen Wissenschaft nicht aufzukommen
ermochte.
In allen seinen Schriften spüren wir diesen Kampf, den Medicus gegen die
herrschende Zeitmeinung führt. Nicht immer ist dieser Kampf erfreulich, besonders
dann nicht, wenn er sich persönlich gegen Linné zuspitzt. 1782, in den ersten
Schriften ist der Ton verhältnismäßig milde. Medicus legt BVerwahrung dagegen
ein, daß die Berehrung zu Linné in blinden Glauben ausarte. Linnsé sei nicht
unfehlbar gewesen; er habe auch nicht die Kenntnis gehabt, die zur Aufstellung
eines Pflanzensystems notwendig gewesen wäre. Seine Sprache sei unklar und
hieroglyphisch. In späteren Schriften wird der Ton gegen Linneé schärfer. In der
Schrift über die Malven-Familie z. B. heißt es:
„Wenn das Auftreten gegen Linné Sünde ist, so freue ich mich, daß ich ein so aus—
zezeichneter Sünder bin, und wünsche nur, daß ich nur ein recht groser seyn möge. Und
dann ist Linné doch endlich der Mann noch nicht, vor dem man mit nackenden Füßen
und entblößtem Haupte dastehen soll.“
„Linné hatte eine betäubende Macht. Seine oft wiederholten Auflagen von kleinen
aufbaren Werken: seine Ordenszeichen mit denen er sich Jünger schuf, oder die er denen
imhieng, die ihm gefärlich werden konnten; vorzüglich, daß er in dem oberflächlichen
encyclopedischen Zeitpunkte auftrat, wo es Mode ward, von allem zu sprechen, und
von dem wenigsten was gründlich zu verstehen, dies war ihm ungemein günstig. Vor—
züglich verstand er die geheime Kunst, sich schwedische Schüler zu bilden, die sein, die
Naturgeschichte wahrhaft schüzender König, und die gleich edel denkende Vation in alle
Welt versande. (Freilich wurden gewöhnlich jene, etwas nach Kezerei riechenden Schüler
darzu auserwählt; und die man vor gut fand, entweder Arias-artig zu befördern, oder
doch nach dem Etiquette der Hofgünstlinge recht weit hinwegzusenden, worzu dann frei—
lich Asien und Afrika ganz artige Standorte sind.) Dies trug seinen Namen in allen Enden
der bekannten Welt herum.“
„Reformationsgeist war seine ganze Grundidee, und ein hoher Grad Eitelkeit sein
täglicher Begleiter. Doch ich will ihn selbst reden lafsen. RGO examinavi haex omnia
genora ad leges artis, characteres reformavi, et tamquam nova condidi. Diss sagte er
in seiner Philosophia botanika. Sein Egoismus war so unbeschreiblich, daß er sogar das
Wort EGO immer mit den grösten Buchstaben in seinen eigenen Werken abdrucken lies,
aus Furcht es möchte übersehen werden. Der junge Mann, der mit so raschem, kühnem
Schritte auftrat, erweckte vieles Aufsehen, aber da man in Wissenschaften eben so ungern,
wie in Glaubens-Sachen seine eingesogenen Grundfäze ablegt: so fand er anfangs wenig
Beifall, und heftigen Wiederspruch. Da er aber das sonderbare Glück hatte, ein ganzes
halbes Fahrhundert seinem Systeme getreu vorstehen zu können: so erlebte er nicht allein
das Ableben seiner Wiedersacher, und der, in andern Grundsäzen erzogener Männer,
ondern er hatte auch Zeit sich Schüler und Anhänger zu bilden, zu welchem lezterm ihm
sehr behülflich war, daß er zu den abgeänderten GeschlechtsNamen, Namen der Bota—
nisten erwählte, die ihm ergeben gewesen, und andern zur gleichen Ehre Hoffnung ließ,
vofern sie getreue Anhänger von ihm werden würden. Dann verstand er die eigene
Kunst, sich um Wiedersprüche nichts zu bekümmern“*9).
Mit immer weniger Hochachtung spricht Medicus von Linné: Er hätte
keinerlei Kenntnis gehabt, er habe ungerechtfertigte Namensänderungen vorge—
nommen, er habe schließlich die Botanik despotisch geknechtet. Gelegentlich über—
gießt er Linné auch mit Hohn: Linnsé sei der größte Pflanzen-Physioknomiker
gewesen, den es je gegeben habe, „denn er sah es nicht allein vielen Pflanzen
an, daß sie Bastarde seyen, sondern er wuste es auch durch eben diesen scharfiinnigen
 Blick zu errathen, wer Vatter und Mutter dieser widerrechtlichen Geburt
gewesen“40).
Im Sahre 1793 erscheint dann eine Abhandlung, die nachweisen soll, daß
Linné vom Begattungsgeschäft der Pflanzen falsche Anschauungen gehabt habe.
Die Ausführungen sind sehr sophistisch gehalten und wenig erfreulich, wenngleich
Medicus allerdings recht hat, wenn er feststellt, daß Linné die Beweise der
            
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