Full text : 2.1938 (0002)

sondert, in wie fern eben dieser Pflanzen-Habitus unter diesen einzelnen Arten
von einerlei Fruktifications Charakteren in einem starken Widerspruche ist“s86).
Formal nimmt Medicus noch immer eine gegnerische Haltung zu Linné ein,
aber grundsätzlich anerkennt er, daß das Linné'sche Sexualregister, wenn es streng
befolgt wird, recht gut ist. Uber de Jussien und dessen Bemühungen um ein
natürliches Pflanzen-⸗System geht Medicus oberflächlich hinweg mit dem Hin—
weis auf seine über die natürliche Verwandtschaft gemachten Ausführungen?).
Er sucht nur noch das zweckmäßigste Pflanzenregister und will es durch Um—
bildungen der Gattungen erhalten. Er macht selbst einen Vorschlag und will die
13 Gattungen Linné's in 24 umwandeln, indem er Linné's Gattungen nach der
Art, wie die Staubfäden verwachsen sind, in je zwei Gruppen teilt.
Diese Ansicht, zu der sich Medicus schließlich bekennt, enthält formal-logisch
gesehen etwas Richtiges. Wenn nämlich bei der Schöpfung alle Lebewesen einmal
nebeneinander entstanden sind, dann kann es unter ihnen keine „natürliche Ver—
wandtschaft“ geben. Mit der Frage, ob es eine solche geben kann, berührt
Medicus ein Problem, das, wäre er geistig noch frischer gewesen, ihn vielleicht
auf die das 19. Johrhundert beherrschende Lehre hätte führen können: auf die
Abstammungslehre. Aber Medicus war viel zu stark in den Streit gegen
Linns verwickelt und viel zu sehr von seinen eigenen ÄÜberlegungen gefangen
genommen. Er tat einen logisch richtigen Schluß, ohne die Boraussetzungen da
zu prüfen, wo ein unbefangener Blick in die Natur ihn hätte genügend belehren
können.
Bei der Betrachtung dieser endgültigen Meinung über die Pflanzensystematik
 aber erkennen wir deutlich, welche entscheidende Wandlung sich in Medicus
vollzogen hat. Am Anfang seines Forschens wendet er sich gegen die Anwendung
der mathematischen Methode in der Botanik und erstrebt die Schaffung eines
natürlichen Systems der Pflanzen. In der Auseinandersetzung mit der herrschen—
den Zeitlehre aber vollzieht sich eine allmähliche Anderung des Urteils, und am
Ende nimmt er eine seiner ursprünglichen Ansicht völlig entgegengesetzte Stellungnahme
 ein: Medicus frönt rein empiristischem Beobachten nach formalen
Grundsätzen, und leugnet das natürliche System schlechthin.
Als dieser empiristische Beobachter hat Medicus sicher manches als Erster
gesehen und manche Unrichtigkeit berichtigen können. Aber letzlich blieb sein
Kampf erfolglos, sein Name verlosch noch fast vor seinem Tode, und sein Wirken
war ohne den NDachhall, den er erhofft hatte. Er selbst aber wurde in diesem Kampf
zermürbt und verbraucht.
Der Mangel an äußerem Erfolge läßt sich zum Teil sicherlich darauf zurückführen,
 daß es Medicus an den rechten Mitteln fehlte, um in der wissenschaftlichen
Widerhall zu finden. Zwar schrieb er gelegentlich in den wissenschaftlichen Zeitschriften,
 aber der größte Teil der Veröffentlichungen erschien in den Akten der
Mannheimer Akademie und in den Bemerkungen der physikalisch-ökonomischen
Gesellschaft, sowie in selbständigen Büchlein und fand damit nicht in dem Maße
Verbreitung, wie es für eine nachhaltige Wirkung notwendig gewesen wäre.
Zudem hat Medicus nicht das Ansehen eines Professors und auch keine Schüler,
die seine Lehren hätten aufnehmen und verbreiten könnenss). Ein weiterer
Grund für die Erfolglosigkeit seines Kampfes war sicherlich auch, daß er die von
ihm selbst getadelte „babylonische Curmsprache“ seiner Zeit noch um ein Be—
trächtliches vergrößert hat, indem er viele Blumen mit Namen versah, auch in
solchen Fällen, wo bereits andere vor ihm Taufen vollzogen hatten. Der letzte
und tiefste Grund für den Mangel einer nachhaltigen Wirkung allerdings ist wohl
darin zu suchen, daß Medicus gegen den Dogmatismus seiner Zeit, gegen den
            
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