Medicus selbst hat in den Schriften dieser Schaffenszeit um 1787 verschiedene
Bersuche unternommen das künstliche System zu verbessern. Noch aber
bleibt das „natürliche“ System das Ziel seiner Forschung, wenngleich er diese
Aufgabe mit weit größerem Mißtrauen als früher betrachtet. Zur natürlichen
Methode gehört die Übersicht aller Naturkörper in der erschaffenen Welt; da aber
täglich neue Naturkörper entdeckt werden und die alten noch nicht einmal genau
in allen ihren Eigenschaften bestimmt sind, ist es noch nicht an der Zeit, die
natürliche Methode zu bearbeiten.
Es scheint, daß Medicus selbst das Unbefriedigende seiner Lösung empfand;
edenfalls beharrte er nicht bei dieser Meinung, sondern rang weiter mit dem
Problem und gelangte schließlich zu einer grundlegenden Anderung seiner
isherigen Meinung, die einer Umkehr seiner wissenschaftlichen Ge—
sinnung gleichkam. Da die neue Ansicht im ersten Heft der Philosophischen
Botanik noch nicht erscheint, sondern erst im zweiten Heft, können wir den Zeit—
punkt dieser Wandlung des ODenkens ziemlich genau auf die Zeit um 1790 be—
ttimmen. In der „Geschichte der Botanik“ wird die neue Ansicht dann in aller
Breite dargelegt?).
Medicus beginnt wieder mit der Frage nach dem Gattungsbegriff.
Diesmal aber bringt er einen ganz neuen Gedanken: Er stellt die Frage, ob
es in der Natur überhaupt eine Verwandtschaft unter den Arten, ob es also
überhaupt „natürliche Familien“ gibt, und verneint diese Frage nachdrücklichst.
„Nach dem wahren philosophischen Wortverstande ist in dem Pflanzenreiche gar
keine Verwandtschaft möglich, als blos unter den Individuis einer Species und
ihrer Abarten. Letztere sind nichts anderest, als die nämlichen Indicvidua, die
durch Standort, Zufall, oder dergleichen einen scheinbaren Zuwachs, oder Ab—
tahme erlitten haben. Wer zwei Individua, die wegen ihrer außerordentlichen
Ähnlichkeit der leichteren Übersicht wegen nebeneinander geordnet werden, für
Verwandte hält, der verwirrt Begriffe miteinander, welche Verwirrung endlich
die posirlichsten Meinungen hervorbringen kann und muß. Nach meinen Be—
griffen ist also ein natürliches System, daß sich auf Pflanzen-Verwandtschaft
zründen soll, ein wahres Unding“29). Oie Begriffe Ahnlichkeit und Berwandtschaft
dürfen also nicht als gleichbedeutend gebraucht werden. Die sogenannte
natürliche Methode ist, wenn es keine Verwandtschaft gibt, ebenfalls eine künstliche
und es gibt in Wahrheit nur eine „besondere“ und eine „allgemeine“ Methode
„Nach meiner Meinung gibt es also kein natürliches Pflanzen-Eystem, sondern
es gibt nur zwei Haupt-Methoden, die beide künstlich sind, und die beide nur zur
Erleichterung der Erlernung dienen. Die erstere ist die analogische Methode und
beruht auf allen Charakteren, die aus den Gesamt-Theilen der Pflanzen geschöpft
werden; die letztere aber ist die Fruktifikations Methode. Oie erstere verschafft
uns einen schnellen Äberblick, die letztere aber Gewißheit. Beide Methoden miteinander
vermengen zu wollen, und aus dieser Vermischung eine drittere aufzu—
stellen, heißt Wahrheit den Meinungen aufopfern, und den geraden Weg ver—
lassen, um sich in Labyrinthen zu vertiefen“s). Auf zweierlei Weise also müssen
Pflanzengattungen gebildet werden. „Dies sind nun mein Grundsäze, nach
welchen ich überzeugt bin, daß die Pflanzen-Gattungen müssen gebildet werden,
nämlich: 1. Nach den Fruktifications-Theilen, als den wichtigsten; wo man alle
Pflanzen Arten, die ähnliche Fruktifications-Theile haben, in eine Gattung ver⸗
einigt, aber alle jene davon in eigene Gattungen absondert, die merkwuͤrdige
Unähnlichkeiten in einem oder dem anderen Theile, oder in mehreren Theilen
derselben an sich haben. 2. Nach dem Habitus der Pflanzen; wo man alle Pflan⸗
zen-Arten, die zwar miteinander übereinkommen, in eigene Gattungen ab—