Full text : 2.1938 (0002)

aufstelle. Die Lehre von der Bermehrung der Pflanzen durch Verlängerung, die
Medicus verteidigte, war keineswegs neu und stellte zudem eine Erkenntnis dar,
die jedem, der praktisch je mit Pflanzen zu tun gehabt hat, jedem Gärtner, ge—
läufig war. Aber die Lehre „gehörte zu jenen, die unter dem Orucke der Mei⸗
nungen nie gedeihen konnten“. Die Abhandlungen von Medicus werden wir
daher als Kennzeichen für die wissenschaftlichen Zustände jenes Jahrhunderts
werten müssen. Eine alte und einfache naturwissenschaftliche Erfahrung mußte
neu ausgesprochen werden, ohne jedoch Beachtung zu finden. Für Medicus selbst
waren übrigens seine Darlegungen, als er 1790 erstmalig ausführlich darüber
schrieb, vor allem ein Beitrag im Kampf gegen Linné und den auf Linnsé zurückgeführten
 Dogmatismus. Oenn damals war Medicus ganz beherrscht von dem
Problem, das die Botanik seines Jahrhunderts beherrschte, von der Frage
nach der Pflanzenfsystematik.

Als Medicus seine botanischen Untersuchungen begann, benutzte er wie alle
Forscher seiner Zeit das Linnesche System zur Ordnung der Pflanzen. Bald
aber fand er Mängel, die ihn mit diesem System unzufrieden sein ließen und ihn
veranlaßten, sich naher mit dem Problem der Pflanzenordnung zu befassen.
Diese Beschäftigung brachte ihn allmählich — wie er selbst in fast allen Schriften
betont — in eine erbitterte Gegnerschaft zur führenden Wissenschaft seines
Jahrhunderts. „Seit 20 Jahren ist nun die Kräuterkunde mit eins meiner Berufsgeschäfte.
 Die erste Abhandlung, die ich in der hiesigen Akademie der Wissenschaften
 vorzulegen die Ehre hatte, ist ein Beweiß, daß ich schon damahls mit den
Schwierigkeiten des Sexual-Systems kämpfte. Aber die Erinnerungen vieler,
mir sehr verehrungswürdiger Freunde war die Ursach, daß ich diese Bahn verließ,
und mißtrauisch in mich selbst nach den Regeln eines Systems beobachtete, das
mit dem allgemeinsten Beifall gekrönt war. Ich schäme es mich nicht, zu sagen,
daß geringe Fortschritte in der Wissenschaft selbst, die ich unablässig bearbeitete,
der Dank meiner Folgsamkeit war, und daß ich am Ende jedes Jahres das
Mangelhafte meiner Einsichten beklagte, die ich durch stätiges Beobachten nicht
zu vermindern im Stande war. Müde eines so undankbaren Erfolges, entschloß
ich mich endlich zu Anfang des Jahres 1782 meinen eigenen Weg zu gehen ....
Indeß war meine anfängliche Meinung nicht, ein neues System zu errichten. ...
Ich wollte also nur das Serual-System philosophischer einrichten“7). 1782, in
den Botanischen Beobachtungen, begann Medicus also erstmalig kritisch zu Linné
Stellung zu nehmen: Linné bedürfe der Revision; er habe bei seinem System
der Pflanzen offenbare Fehler gemacht; er habe eine falsche Zuordnung in die
Pflanzenklasfsen vorgenommen, aus Mangel an Beobachtungen, oder aus unbe—
kannten Gründen; er habe vieles durch die „Nektarien-Brille“ gesehen, feine
Nektarien seien etwas, was nichts mit Honig zu tun habe und in vielen Fällen
nur verwachsene Staubfäden; er habe außerdem heimlich in seinem künstlichen
System natürliche Verwandschaften berücksichtigt und dadurch dem Anfänger
die Sache sehr schwierig gemacht. Bei dieser äußeren Kritik aber bleibt Medicus
nicht stehen. Er wirft die Frage auf, ob eine Ordnung der Pflanzen nach Staub—
fäden denn überhaupt möglich sei. „Ich glaube überhaupt, daß dies der gröste
Fehler bisher war, daß man das Kräuterreich nach einem einzigen ange—
nommenen Grundsaze zu ordnen unternahm. Auch bezweifle ich nicht ohne
oiele Wahrscheinlichkeit, daß man je einen solchen einfachen Grundsaz
ausfindig machen werde; ja ich glaube, daß diese mathematische Lehrart nirgends
weniger anwendbar sei, ja nirgends mehr auf gefährliche Abwege führe, als
wenn man sie in der Daturgeschichte einführen will. Denn so viel ich noch zur
Zeit das Pflanzenreich überschaut habe, theilet sich solches in bald grösere, bald
            
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