Full text : 2.1938 (0002)

Nembert Ramsauer:

Friedrich Casimir Medicus und die naturwissen—
schaftlichen Probleme des 18. Jahrhunderts

Geschichtliche Betrachtungen beschäftigen sich gemeinhin nur mit den Großen
der Vergangenheit, mit denen, deren Geist und Persönlichkeit die geschichtliche
Wirklichkeit bestimmten, mit denen, deren Gedanken und Werke Epochen ge—
stalteten, deren Ideen die schöpferischen Kräfte im Fluß der Dinge wurden.
Abseits von diesen wenigen Ruhmvollen und Gerühmten, — abseits auch von
dem großen Haufen der Kleinen, Mittelmäßigen, Schwätzer und Nachbeter —
aber sind noch andere: Die, denen es vom Schicksal nicht vergönnt war, zur
Wirkung zu kommen, die Irrenden, die Verkannten, die unzeitig Geborenen, —
die doch zu den starken Menschen ihrer Zeit gehörten.
Wer nur das Gewordene gelten läßt im geschichtlichen Forschen, wird jene,
die ohne geschichtlichen Ruhm blieben, für unwichtig halten. Wer aber das
Werden des Gewordenen erkennen will, wird manchmal gerade bei diesen
Menschen verharren: Schärfer, härter, nackter offenbart sich hier die Geschichte.
Deutlicher als bei den ruhmvollen Großen zeigen sich die Gegensätze und geistigen
Spannungen einer Zeit, — unerbittlicher erweist sich, was Ursprüngliches ist und
was Aufgeprägtes, was Artung und was Entartung.
Zu diesen Anderen, die nicht zu Wirkung und geschichtlichem Ansehen ge—
langten, gehört auch Friedrich Casimir Medicus. Zusammenfassende Be—
trachtungen der Geschichte der Medizin und Naturwissenschaft erwähnen ihn mit
Recht nur am Rande; nichtsdestoweniger verdient Medicus eine gesonderte
Würdigung, weil in seinem Wollen und Schaffen die geistige Problematik der
Naturwissenschaft des 18. Jahrhunderts in aller Schärfe deutlich wird.
Das Leben dieses Mannes, der als Jüngling schon erfüllt war von wissen⸗
schaftlichem Eifer und männlichem Tatendrang, konnte sich entfalten unter der
Gunst, die der Kurfürst Karl Theodor in Mannheim der Wissenschaft und
den schönen Künsten schenkte. Friedrich Casimir Medicus, der am 6. Januar 1736
als Sohn eines Wild- und Rheingräflichen Rates zu Grumbach a. Gl. geboren
war, studierte in Cübingen und Straßburg Medizin und ließ sich 17588 in Mannheim
 als praktischer Arzt nieder. Von den weiteren äußeren Lebensdaten) sind
in dieser Betrachtung vor allem mehrere frühe Ehrungen des jungen Arztes von
Bedeutung. 1759, also 25jährig, war er bereits Garnisonsphysikus in Mannheim,
1761 ernannte der Kurfürst ihn zum Frankenthaler Stadt- und Freinsheimer
Amtsphysikus, welche Ämter er „in der Folge dem Kurfürsten wieder zu Füßen
legte“, weil er wegen einer ausgedehnten Praxis diesen Pflichten nicht mehr
nachkommen konnte. 1761 wurde Medicus außerordentliches Mitglied der kur—
baierischen Akademie der Wissenschaften in Muͤnchen und ordentliches Mitglied
der kurmainzischen Abademie der Wissenschaften zu Erfurt. Im Dezember 1762
machte ihn die königlich-kaiserliche Akademie der Naturforscher zu ihrem ordentlichen
 Mitglied. 1784 ernannte ihn der Herzog von Zweibrücken zum Hofrat und
Hofmedikus und der Kurfürst Karl Theodor zum Mitglied der Kurpfälzischen
Akademie der Wissenschaften zu Mannheim für die Fächer Naturgeschichte und
Botanik. In dieser Eigenschaft als Vertreter der Botanik in der Akademie wurde

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