Full text : 2.1938 (0002)

Über die Stadt Speyer herrscht nun Klarheit. Nun möchte man wissen: Wo
berlief die Stammesgrenze zwischen den Alamannen und den Franken im Westen
der heutigen Saarpfalz während der Merowingerzeit?
Zwischen der Reihe der Bischofssitze am Rhein Straßburg, Speier, Worms
und Mainz und denen an der Mosel Toul, Metz und Trier hat es nie Bischofstädte
 gegeben; da die meisten heute vorhandenen Schriftzeugnisse aus der
Merowingerzeit sich auf Bischöfe beziehen, versagt die reichste und klarste Zeugniszruppe
 für das Flußgebiet der Saar. Man muß auf andere, schwieriger deutbare
Schriftwerke zurückgreifen.
Der schon erwähnte Kosmograph von Ravenna hat im Lande Ala—
nannien nicht nur die Städtereihe von Worms bis Bregenz angegeben, sondern
noch eine zweite Reihe. Sie lautet: „Ferner ist bei der oben erwähnten Stadt
Straßburg eine Stadt, welche heißt Alaia, dann Chorust, Siaberna, Frincina,
Aon, Laguirion, Brara, Albisi, Ziurichi, Duebon, Crino, Stafulon, Cariolon,
Thedoricopolis, Vermegaton. Ferner sind auf der anderen Seite Städte, nämlich
Augusta nova, Rizinis, Turigoberga, Ascis, Ascapha, AUburzis, Solist.“ Diese
Namenreihe hat sehr viel Kopfzerbrechen erzeugt, ist aber noch nicht erklärt. Im
weiten Teil hat man die Namen Ascapha und Aburzis für Aschaffenburg und
Würzburg gehalten; aber das ist sicher falsch, denn Würzburg hieß am Anfang
des 8. Jahrhunderts Wirteburch, später Wirceburg, aber nicht Wurzeburg und hat
ebenso wie Aschaffenburg nach 280 nicht zum Volksgebiet der Alamannen gehört.
Am meisten leuchtet die Ansicht ein, daß mit Augusta nova Augsburg und mit
Kizinis Reisensburg an der Donau gemeint ist; denn Augst bei Basel ist schon
in der ersten Städtereihe erwähnt und Reisensburg östlich von Günzburg war ein
Flußübergang. Ascis könnte dem 1181 bezeugten Kloster Asce, heute Asch bei
Blaubeuren entsprechen; Aschach hieß eine Wiese bei Pfullingen, Solist könnte
Sulzbach im Schwarzwald sein, sodaß der Kosmograph von Ravenna vielleicht
einen von Augsburg nach Straßburg führenden Verkehrsweg wiedergegeben hat.
Die von Straßburg ausgehende Namenreihe enthält einen leicht kenntlichen
Namen: 2ziaberna. Rheinzabern in der Saarpfalz ist unwahrscheinlich, denn eine
Nordsüdstraße hat der Kosmograph von Ravenna schon angeführt; Zabern im
Elsaß war schon seit der Römerzeit der wichtigste Ubergang vom Elsaß nach
Lothringen. Oen Namen Ziurichi hat man auf die schweizerische Stadt Zürich
bezogen; aber alle Versuche, die zwischen Ziaberna und Ziurichi stehenden
Namen auf südelsässische und schweizerische Orte zu deuten, sind fehlgeschlagen.
Denkt man an Zabern im Elsaß und daran, daß die Städtereihe „auf der andern
Seite“ vermutlich nach Reisensburg und Augsburg führte, dann kommt man zu
der Vermutung, die von Straßburg ausgehende Namenreihe setze sich über
Zabern nach Westen ins heutige Lothringen fort. Thedoricopolis ist eine gelehrte
Übersetzung ins Griechische, diese Gestalt hat der Ortsname nicht gehabt; daß die
Stadt Diedenhofen, urkundlich Theodonisvilla, französisch Thionville, gemeint
jei, ist nicht ausgeschlossen. Bielleicht finden sich gerade in der Saarpfalz Men—
schen, die Lust und Ortskenntnis haben, die von Straßburg über Ziaberna
nach Thedoricopolis und BVermegaton führende Namenreihe daraufhin zu prüfen,
ob sie auf Orte im heutigen Lothringen paßt. Eins steht aber heute schon fest:
Man kann diese Reihe weder nach Norden noch nach Süden oder Osten legen,
ondern nur nach Westen; also führt sie zu der Bermutung — leider nicht zum
klaren Beweis — daß sich am Ende des 7. Jahrhunderts das Land
Alamannien noch über Zabern hinaus ins heutige Lothringen
hinein erstreckte.
Das Kloster Weißenburg im Elsaß hat in den Jahren von 860 bis 870

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