daß erst bei Gregor von Tours, rund siebzig Jahre nach dem Ereignis, beide
Ereignisse zusammengeschmolzen sind, dann muß man dieser Meinung zustimmen.
Das Jahr 406 ist für die Taufe richtig, denn Nicetius erwähnt, daß Chlodowech
als Getaufter den Burgunderkönig Gundobad besiegt habe; dies geschah im
Jahre 500. Oer Brief des Apvitus enthält keine Jahresangabe.
Eine jetzt in Kopenhagen liegende Chronik, der sogenannte Auctarius
Havniensis, vermerkt zum Jahre 498: „Im vierzehnten Regierungsjahre des
Alarich eroberten die Franken Bordeaux und führten es aus der Gewalt der
Goten in ihren Besitz über; Swatri, der Herzog der Goten, wurde gefangen.“
Die Lebensbeschreibung des Bischofs Sollemnis von Chartres bringt Chlodowechs
Taufe mit diesem Westgotenkrieg in Zusammenhang; sie ist zwar erst im 9. Jahrhundert
verfaßt, aber diese von Gregors weitverbreiteter Frankengeschichte abweichende
Meinung muß aus der Zeit vorher stammen. Oer erste Krieg der
Franken gegen die Westgoten hatte keinen Dauererfolg; vor 409 verbannten die
Westgoten den Bischof Volusianus von Tours, der sich den Franken hatte unter—
stellen wollen, nach Südspanien, und bis 507 reichte das Westgotenland wieder
bis an die Loire. Offenbar hat die spätere Sage in der Erinnerung an Chlodowechs
Taufe den erfolglosen ersten Westgotenkrieg durch den erfolg—
reichen Alamannenkrieg ersetzth.
Chlodowechs Taufe geschah 496, sein Alamannensieg dagegen 505. Beide
Ereignisse waren in Wirklichkeit unabhängig voneinander.
Um 620 hat Jonas von Bobbio das Leben des Bischofs Vedastis von Arras
beschrieben. Auch er hat in der Einleitung Chlodowechs Alamannensieg geschildert
und mit seiner Taufe verquickt; aber er hat als einziger, dessen Werk erhalten ist,
Ortsangaben beigefügt. Er sagt von dem Frankenkönig: „Wenn er nicht den
Feind gegen sich gehabt hätte, wollte er das Flußbett des Rheins überschreiten“;
nach der Schlacht „kehrte er eilig in sein Land zurück und kam in die Stadt
Toul.“ Früher hat man die Lebensbeschreibung des Vedastis als unglaubwürdig
abgelehnt, weil ihre Art legendenhaft ist; aber die Beschreibung der Alamannenschlacht
hat mit dem Leben des Bischofs gar nichts zu tun, sondern ist nur von
Jonas von Bobbio als Einleitung vorangesetzt und aus einer ganz andern Vor—
lage entnommen. ODaher wird sie von der Unglaubwürdigkeit des Hauptteils der
Dita Vedastis nicht berührt. Die Angaben, daß die Schlacht am linken Ufer des
Rheins stattfand und daß Chlodowech nachher nach Toul zurüchkehrte, passen
durchaus dazu, daß die brukterischen Franken des Königs Sigibert von Köln an
diesem Krieg unbeteiligt waren. Die im Anfang des 19. Jahrhunderts vertretene
Meinung, die Schlacht von Zülpich sei dieselbe gewesen wie Chlodowechs Ala—
mannenichlacht, ist längst als unhaltbar aufgegeben worden.
Die staatlichen Folgen von Chlodowechs Sieg waren also nicht so groß, wie
man früͤher dachte. Zwar hörte die Selbständigkeit des Alamannenvolksstamms
unter eigenen Königen auf; aber auch die meisten anderen deutschen Stämme
kamen während des 6. Jahrhunderts unter die Herrschaft der Merowingerkönige.
Dagegen ist der weltgeschichtlich entscheidende Übertritt Chlodowechs zum katho—
lischen Christentum in Wahrheit nicht durch die Alamannenschlacht verursacht
worden, und die Teilung des Alamannenlandes zwischen den Merowingern und
den Ostgotenkönigen wurde schon 32 Jahre später wieder aufgehoben.
) Wilhelm Levison, Bonner Jahrbücher 103 (1898) S. 55—63.