Full text : 2.1938 (0002)

Herrschaft. Lange bestand die neue Grenze nicht, denn nachdem ein byzantinisches
Heer in Italien einrückte, traten die Ostgoten im Januar 5379 (nicht, wie man
oft liest, 550) alle Länder jenseits der Alpen an die Merowingerkönige ab. Von
da ab waren die Alamannen wieder in demselben Reiche vereinigt.
Auch Gregor von Tours hat berichtet, daß die Alamannen von Chlodowech
besiegt wurden, ihren König in der Schlacht verloren und sich dem Chlodowech
unterwarfen. Aber er hat hinzugefügt, daß der Kampf zunächst für Chlodowechs
Krieger ungünstig verlaufen sei und daß der König in der Not gelobt habe, sich
zu Christus zu bekehren, wenn er den Sieg erhalte; das Ganze sei im fünfzehnten
Jahr von Chlodowechs Herrschaft, also im Jahre 496 geschehen. Dieses Jahr paßt
nicht zu den ostgotischen Quellen. Theoderich hat am Schluß seines Briefes dem
Chlodowech geschrieben, er sende gleichzeitig den erbetenen Zitherspieler; in dem
Erlaß, der in Cassiodors Sammlung unmittelbar vor dem Brief an Chlodowech
steht, wird der Römer Boethius aufgefordert, diesen Zitherspieler auszusuchen?).
Boethius trat aber erst 501 in den Staatsdienst. Ennodius hat die Alamannen—
schlacht hinter einem Sieg erwähnt, den ein ostgotischer Feldherr 505 an der
Save errang. Der Verfasser des ersten Teils der Fredegarchronik hat um 615
Gregors Bericht über die Alamannenschlacht fast wörtlich abgeschrieben, aber den
Satz eingefügt: „Als sie sahen, daß ihr König getötet war, waren sie neun Jahre
lang aus ihren Wohnsitzen vertrieben und konnten kein Volk finden, das ihnen
gegen die Franken geholfen hätte.“ Diese Angabe ist irrig, denn Theoderichs Brief
zeigt, daß er sehr bald nach der Schlacht für die Alamannen bei Chlodowech ein—
getreten ist. Der Verfasser des ersten Teils der Fredegarchronik lebte in der
heutigen Westschweiz und hat auch viele italische Schriftquellen gekannt; offenbar
hat er in einer gefunden, daß Theoderich im Jahre 505 die Alamannen in seinen
Schutz nahm, und den Widerspruch zur Jahreszahl des Gregor von Tours auf
seine eigene Weise zu lösen versucht.
Sehr viele Forscher haben sich auf die verschiedensten Weisen bemüht, den
Widerspruch aufzuklären. Von allen Meinungen leuchtet folgende am meisten
ein. Chlodowechs Taufe ist vor Gregor noch von zwei anderen Schriftstellern
bezeugt: Bischof Avitus von Vienne hat unmittelbar nach der Taufe an den
König einen Glückwunschbrief gesandt; Bischof Nicetius von Trier hat um 565
in einem Brief an Chlodowechs Enkelin Chlodoswind, die Gemahlin des Lango—
bardenkönigs Albwin, die Verdienste ihrer Großmutter Chrodechild, die den
A00
Alamannensieg! Auch Gregor von Touers schildert die jahrelangen Bemühungen
der Chrodechild, die schon vor ihrer Verheiratung katholische Christin war, den
König für ihren Glauben zu gewinnen; nach dem Alamannensieg läßt sie heimlich
den Bischof Remigius zum König kommen, aber Chlodowech hat noch eine Zeit—
lang Bedenken. Diese Darstellung paßt gar nicht zu dem angeblichen Wunder
während der Alamannenschlacht!
Gregor von Cours schrieb die ersten Teile seines Geschichtswerks etwa um
5785, mindestens siebzig FJahre nach dem Kampf. Schon vor langem ist die Ver—
mutung ausgesprochen wordens), Chlodowechs angebliche Bekehrung sei keine
wirkliche Tatsache, sondern eine später entstandene Sage; in Wahrheit habe
Chrodechild den König bekehrt. Wenn man bedentt, daß Cassiodor und Ennodius
nur den Alamanmnnenkrieg, Avitus und Nicetius nur die Taufe erwähnen und
) Ludwig Schmidt, „Das Bayerland“, Jahrgang 38 (1927) S. 588.
2) A. Rippersberg, Bonner Jahrbücher 101 (1897) S. 57.
Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands. 1. Auflage. Leipzig 1887, S. 108.
            
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