Als Attila 451 nach Gallien zog, eroberte und zerstörte er, wie die Chroniker
des Hydatius und Prosper Tiro, Gregor von Tours und Paulus Diaconus über—
liefern, die Stadt Metz und viele andere Städte Galliens; dann belagerte das
Hunnenheer Orleans. Da das Maintal der naturgegebene Anmarschweg der
oͤstlichen Völker war, muß der Hunnensturm auf dem Wege nach Metz auch die
heutige Saarpfalz durchquert haben. Vor Orleans zwang das vereinigte Heer
der Römer, Westgoten, salischen Franken und Alanen den Hunnenkönig zur
Umkehr; dann besiegte es ihn in der blutigen Völkerschlacht auf den Feldern von
Catalaunum, Chalons an der Marne. Darauf zwang Aetius den Attila, nach
Norden durch das Land der Tungrer, das später das der linksrheinischen Thüringer
genannt wurde, das heutige Ostbelgien, abzuziehen; dies überliefern die Frede—
garchronik und das 72 verfaßte „Frankengeschichtsbuch“ (Läber historiae Francorum).
Das letztgenannte fügt hinzu, daß die Hunnen damals auch Trier zer—
stört hätten.
Am 21. September 454 wurde Aetius, am 16. März des folgenden Jahres
—VV
Maximus zum Kaiser erhoben, aber am 31. Mai getötet, als der Wandalenkönig
Geiserich Rom belagerte und dann am 2. Juni einnahm. Aus der nur zweieinhalb
Monate dauernden Regierungszeit des Petronius Maximus berichtet Sidonius
Apollinaris, daß die Sachsen die Nordküste Galliens besetzten, und weiter: „Oer
Franke warf das erste Germanien und das zweite Belgien zu Boden; der trotzige
Alamanne trank aus dem Rhein an den Ufern der Römer und war stolz auf dem
Ackerland beider Seiten sowohl Bürger wie Sieger.“ „Erstes Germanien“ hieß
seit dem Ende des dritten Jahrhunderts die Provinz Obergermanien; das
„zweite Belgien“ hatte als Hauptstadt Reims und reichte über Cambrai bis nach
Boulogne. Die Franken haben also nicht nur das Land nördlich vom Niederrhein,
sondern auch Obergermanien, wenigstens zum Teil, besetzt; dies bestätigt die
früheren Worte des Sidonius Apollinaris, daß der Neckar die Südgrenze der
Franken war.
Auf Grund dieser Vorgänge ernannte Kaiser Petronius Maximus den
Avitus zum Oberfeldherrn von Gallien. Sidonius Apollinaris erzählt von
diesem: „Sobald er die Last des aufgedrungenen Ehrenamtes übernommen
hatte, schickte der Alamanne Gesandte, welche Verzeihung für ihr Wüten for—
derten, der Einfall der Sachsen ruhte, und den Chatten fesselte mit sumpfigem
Wasser die Albis.“ Chatten gab es im Jahre 455 seit langem nicht mehr; offenbar
hat Sidonius den in alten Werken überlieferten Bolksnamen für den der Chatt—
waren eingesetzti)y. Das Landstück zwischen dem Niederrhein und der Maas von
etwa Nymwegen bis Venlo hieß im Mittelalter der Gau Hattuarias; die Chatt—
waren hatten es also dem Römerreich weggenommen. Welcher Fluß hier mit
dem Namen Albis gemeint ist, kann man nicht sagen.
Am 9. Juli 455 wurde Avitus in Arles in Südfrankreich zum Kaiser erwählt,
wandte sich gegen die Westgoten und im folgenden Sahre nach Atalien, wurde
aber am 17. Oktober 456 bei Piacenza besiegt, mußte abdanken und starb bald
darauf. Sidonius Apollinaris hat das Lobgedicht noch während der Regierungs—
zeit des Avitus verfaßt; er war sein Schwiegersohn, hatte also wahrscheinlich
genaue Kenntnis der Ereignisse. Weil sein Gedicht fast gleichzeitig ist und die
Eroberung der gallischen Grenzlandschaften durch die Alamannen, Franken und
Sachsen eindeutig in die kurze Zeit von Mitte März bis Ende Mai 4585
setzt, ist es eine der wertvollsten Schriftquellen für die Geschichte des
heutigen Westdeutschlands und muß stark beachtet werden.
) Zohann Schmaus, Geschichte und Herkunft der alten Franken. S. 116.