Full text : 2.1938 (0002)

Das Volk der Alamannen ist zum ersten Mal im Dahre 213 bezeugt);
damals führte der römische Kaiser Caracalla gegen sie Krieg, und zwar südlich
vom Main und östlich vom damaligen römischen Grenzwall, der den Main
ungefähr bei dem heutigen Städtchen Miltenberg verließ und die Donau etwa
bei Kelheim erreichte. Der Volksname Alamannen hat in sämtlichen lateini—
schen und griechischen Schriftzeugnissen in der zweiten Silbe den Selbstlaut a;
die Namensform Alemannen ist erst in der Neuzeit nach dem Vorbild des fran—
zösischen Wortes Allemand gebildet worden. Mehrere Zeitschriften sind demzu—
folge in der letzten Zeit dazu übergegangen, die Namensform Alemannen in
Alamannen umzuändern; da wir auch in den Volksnamen Markomannen, Lan—
gobarden, Angriwaren und anderen die alten Selbstlaute der zweiten Silben
verwenden, ist es nur folgerichtig, im Namen Alamannen dasselbe zu tun.
Von ungefähr 259 ab wurde das Römerreich durch innere Wirren sowie
Kriege mit den Goten und den Persern stark erschüttert; in dieser Zeit überschritten
die Alamannen und die Franken den römischen Grenzwall und besetzten alles
Land rechts vom Rhein. Die Einzelheiten liegen außerhalb des hier behandelten
Stoffes. Ein Satz aber, der Licht auf die staatlichen Verhältnisse der Alamannen
wirft, sei angeführt; er steht in der Lebensbeschreibung des Kaisers Probus
—
„Scriptores historiae Augustae“ (Schreiber der Kaisergeschichte) verfaßt hat.
Probus war ein tüchtiger Feldherr und eroberte im Jahre 278 (die Jahreszahl
 überliefert die Chronik des heiligen Hieronymus) das Land bis zum Neckar
und zur Schwäbischen Alb zurück; in der ausführlichen Schilderung des Kampfes
schreibt Flavius Vopiscus: „Es wurde nicht aufgehört, zu kämpfen, solange bis
neun Kleinkönige aus verschiedenen Volksstämmen kamen und sich zu den Füßen
des Probus warfen.“ Die Alamannen waren also damals in Gauverbände ein—
geteilt, deren Führer den Titel „König“ führten; neun von diesen Gauen lagen
zwischen dem Neckar, der Alb und dem VWhein, waren also ziemlich klein. Daher
haben die Römer die Anführer nicht „reges“, sondern nur .reguli“, Kleinkönige,
genannt.
Im Jahre 2W2 wurde Kaiser Probus ermordet; Carus wurde sein Nach—
folger. Von diesem sagt Sextus Aurelius Victor in seinem „Buch von den
Kaisern“: „Weil nach dem Bekanntwerden vom Tode des Probus manche
Fremdlinge erfolgreich eingefallen waren, sandte er zum Schutze Galliens seinen
älteren Sohn.“ Das Wort „Gallien“ bezeichnet in diesem Satze und in vielen
anderen Schriftzeugnissen den staatlichen Verwaltungsbezirk des Römer—
reiches, dessen Ostgrenze der Rhein bildete, aber nicht den Bolksboden der
keltischen Gallier. Oenn der Westteil der oberrheinischen Tiefebene von Mainz
bis südlich von Straßburg war seit Ariovists Zeit, das Land westlich vom
Niederrhein schon mehrere Jahrhunderte vorher germanischer Volksboden;
zwischen 82 und MO hat Kaiser Oomitian diese Gebiete zu den römischen
Provinzen Germania superior und Germania inferior (Ober- und Nieder—
germanien) gemacht. Die Namen zeigen, daß die Bewohner dieser Landschaften
überwiegend Germanen, keine Kelten waren; beide Provinzen wurden aber
staatlich von den Römern als Teile Galliens betrachtet. Infolgedessen muß
man, was leider oft nicht getan wird. iede Erwähnung des Namens Gallien

s Die meisten der im folgenden behandelten Quellentextstücke sind von Alexander
Riese zusammengestellt in dem Buche „Oas Rheinische Germanien in der antiken
Literatur“, Leipzig 1892. Genauere Forschung erforderi selbstverständlich, die Quellen
in größerem Zusammenhang zu lesen; es würde aber hier zu weit führen, die heute
maßgebenden wiffenschaftlichen Textausgaben jedesmal anzugeben.
            
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