Full text : 2.1938 (0002)

gib mir nur einen kleinen Thron,
jag mich ja nicht ganz davon!
Aber Kaiser Wilhelm lacht:
Frag erst, was mein Bismarck sagt.

Wenn wir diese geringwertigen Lieder zu den großen geschichtlichen Ereig—
nissen des Krieges 1870/71 in Vergleich setzen, so wird die Berkümmerung des
geschichtlichen Volksliedes nicht zu leugnen sein. Es gilt nur, die Zusammen—
hänge des Verfalls aufzuzeigen. Die Lieder, welche in den Kriegen seit der Mitte
des vorigen Jahrhunderts entstanden und volkläufig geworden sindh, beschäf—
tigen sich gar nicht mehr mit dem geschichtlichen Ereignis, dem Gang der Schlacht
oder dem Verlauf des Krieges. Sie schildern vielmehr persönliche Erlebnisse
und Empfindungen und höchstens kleine Ausschnitte aus dem Kampfe. In der
einen Gruppe dieser Lieder wird das Motiv des sterbenden Kriegers dargestellt.
Davon handeln die beliebten Lieder „Oie Sonne sank im Westen“, das auf die
Schlacht bei Custozza 1848 gedichtet und später auf Schlachten der Jahre 1866
und 1870/71 übertragen wurde, „Kaum war die Schlacht bei Königsgrätz vor—
über“, „Bei Sedan wohl auf der Höhe“. Die zweite Gruppe bringt ein Neben—
einander von Schlachtfeld und Heimat. Es wird darin geschildert, wie der Tod
des Soldaten von den Angehörigen in der Heimat geahnt wird; hierher gehören
die Lieder „In stiller Kammer ruht ein Kind und „In Baden (Böhmen, Frank—
reich) ein stilles Haus, der Vater zog mutig zum Kampfe hinaus“, das im Jahre
1871 von Max Meisner verfaßt wurde. In anderen Liedern dieser Gruppe wird
eczählt, wie der Krieger, der gerade an seine Lieben zu Hause denkt, von einer
tödlichen Kugel getroffen wird; das ist der Fall in dem von Peter Johann
Willatzen während des schleswig-holsteinischen Krieges 1849 verfaßten Gedicht
„Es war auf Jütlands Auen, es war am kleinen Belt“. In all diesen Liedern ist
das große historische Ereignis verblaßt und das seelische Erlebnis des Kriegers
steht groß im Vordergrund.
Wenn wir nun noch den Gründen dieses völligen Wandels des historischen
Kriegsliedes nachgehen, so sehen wir, daß dieser seit den Befreiungskriegen sich
anbahnende Umschwung mit der Entwicklung des Heeres, der Kriegswaffen und
des Soldatenstandes eng zusammenhängt. Feüher waren die Heere klein, die
Ausdehnung des Schlachtfeldes war gering, so daß jeder Mitkämpfer den Ver—
lauf des Kampfes verfolgen und davon berichten konnte. Nun traten immer
größere Armeen auf, die Feuerwaffen trugen immer weiter und der Umfang
des Schlachtfeldes nahm immer mehr zu. Der Kämpfer sah nur seine nächste
Umgebung und wußte nichts mehr vom Gang der großen Schlacht. Ferner muß
man bedenken, daß früher Söldner und junge Leute ins Feld zogen, die ihre
Sach' auf nichts gestellt hatten, während jetzt im Volksheer auch Männer
kämpften, die Beruf, Familie und Heim hatten. So ist es begreiflich, daß im
Laufe des letzten Jahrhunderts das alte historische Kriegslied, das „die nieder—
ziehende Sandlast des trockenen Berichtes“ mit sich herumtrug, verfiel. Es räumte
seinen Platz andersartigen Liedern, die im Geiste des kämpfenden Volkes ge—
dichtet sind und sich an das Gemüt des Kriegers wenden?)

) Siehe über diese Lieder und das im Folgenden Gesagte: J. Meier. Das deutsche Sol—
datenlied im Felde. Straßburg 1916. S. 26ff.
) Bruinier, Das deutsche Volkslied. Leipzig-Berlin 1914. S. 68.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.