Full text: Der Bergmannsfreund (5)

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Es kann vor Nacht leicht anders werden, 
Als es am frühen Morgen war. 
So lang ich lebe auf der Erden, 
Leb' ich in steter Todsgefahr ꝛc.. 
uis der Bergmannsstand. Er ist von vielen Gefahren um⸗ 
ringt, von denen diejenigen, die auf dem Erdboden wandeln, 
oft keinen Begriff haben. — 
Klas schritt munter und guter Dinge, seine geliebte 
Braut noch mit seinem geistigen Ange schauend, der ge⸗ 
vohnten Arbeit entgegen, kam glücklich vor Ort und häm⸗ 
nerte und schärfte darauf los, daß es eine Lust gewesen 
wäre, ihm zuzuschauen. 
Beinahe war die Schicht vollendet; nur noch wenige 
MNinuten, und er wollte zu Tage steigen. Sein erster 
Gang sollte zu seiner Marie sein, mit der er für morgen 
noch Manches besprechen wollte. Da — — geschah das 
Entsetzliche — — der Berg stürzte ein und begrub ihn. 
Mit Recht singt der Dichter: 
Mitten hier im Leben sind wir von dem Tod umfangen! 
Wer ist, der uns Hülfe thut, daß wir Gnad' erlangen? 
Nun, der liebe Gott wird auch seine Seele in Gnaden 
angenommen haben; denn Zeit, den letzten Seufzer auszu⸗ 
hauchen, oder ein Gebet zum Vater in der Hoͤhe empor 
zu senden, fand er nicht mehr. 
Unerwartet, unverhofft, urplötzlich war der Tod über 
ihn gekommen; er war verschüttet, von einer ungeheuern 
Bergmasse zugedeckt, und Niemand wußte sein Grab. Nie— 
mand konnte ihm Hülfe bringen. 
Zwei Monate vorher war auch eine Tagöffnung durch 
ein ähnliches Ereigniß entstanden, welches Falun in tiefe 
Trauer versetzt hasie. Aber wer malt das Entsetzen, das 
sich aller Gemüther bemächtigte, als die Kuunde von dem 
aochmaligen, ungeheuern Unglück eintraf; denn außer Klas 
varen noch über 100 andere Bergleute von demselben 
Schicksal getroffen worden. 
Alles lief hin zur Unglücksstätte, jammerte, klagte, 
rang die Hände und blickte nach Hülfe rings umher; allein 
es war keine zu finden. Vergeblich waren alle Bemühungen, 
die von den Faluner Berqabehörden deswegen angefiellt 
wurden. 
Marie hatte ihr Halstuch längst fertig gesteppt und 
war schon gewiß zehnmal an's Fenster getrelen, um zu 
schauen, ob ihr Bräutigam noch nicht zurückgekommen, als 
auch zu ihr die Unglücksbotschaft drang. Ihre Nachbarin, 
deren Mann dasselbe Loos theilte, kam zu ihrer Mutter in 
die Stube, warf sich auf die Erde, zerraufte sich das Haar 
und wehklagte, daß sich ein Stein im Weg hätte erbarmen 
mögen. 
Ohne ein Wort zu sagen, — nur ein Schmerzensschrei 
kam aus ihrer Brust — eilte Marie wie auf Flügeln hin 
an Ort und Stelle, um sich von der Wahrheit zu über— 
zengen. Leider, es war nur zu wahr! Langsam und den 
Kopf hängenlassend, wie eine geknickte Blume, kehrte sie 
zu ihrer Mutter zurück, tröstete noch die Nachbarin mit 
frommem Zuspruch und legte sich daun still zu Bett. 
Was in dieser Nacht in ihrer Seele vorgegangen ist, 
hat sie Niemanden je vertraut, sogar ihrer Muͤtter nicht. 
Des andern Morgens stand sie abermals auf, holte das 
Halstuch aus ihrer Kiste und betrachtete es lange und 
schweigend, Keine Thräne kam dabei in ihr Auge; es 
blieb trocken. Sie legte das Tuch in ihre Kiste zurück; 
aber dann brach sie vor derseben zusammen. Ein Nerven- 
e hatte sie überfallen und sie mußte zu Bett getragen 
DerDden 
Vier Monate lang lag sie in wilden Fieberphanta- 
ien. In der ersten Zeit iihres Krankenlagers wurde sie 
ioch von ihrer Mutter gepflegt, bis diese selbst vom Tod 
jinweggerafft wurde. Dann nahm sich die Nachbarin ihrer 
in. Diese hatte schon längst ihren Schmerz überwunde 
var ein robustes Weib, ernährte sich und die Ihrigen —* 
hrer Hände Arbeit und fand trotzdem noch so diel Zeit, 
nach der verlassenen Marie zu sehen und sie zu pflegen. 
Uebrigens findet sich die Erfahrung tausendfach be— 
tätigt, daß der Schmerz, der sich auf laute Weise äußert, 
ich viel eher lindert, als der still getragene. — 
So lag Marie ein halbes Jahr darnieder, als sie an—⸗ 
ing, zu genesen. Gott hatte in seinem weisen Rath be— 
chlossen, daß sie leben bleiben sollie. — 
Wieder war St. Johannistag herangekommen und 
vieder finden wir Marie am Fenster sitzen. Diesmal steppte 
sie an keinem seidenen Tuche; denn das lag wohlverschlosfen 
und wohlverwahrt in ihrer Kiste, sondern sie verfertigte 
Fußteppiche aus Kuhhaaren, welche sie an einen Händler 
erkaufte. Diese Arbeit brachte ihr so Viel ein, als sie zu 
hrem Unterhalt nöthig hatte. Viel brauchte sie nicht; 
denn sie lebte ganz maßig. Wieder sehen wir einen jungen 
Menschen auf ihr Haus zuschreiten und am Fenster stehen 
»leiben. Heute ist es aber kein Bergmann, sondern ein 
reicher Gerberssohn, auf dessen Herz Marie unbewußt einen 
großen Eindruck gemacht haite. 
Ehrlich, treu und ohne Umschweife entdeckte er dies 
Marien und bat um ihre Hand; aber sie stand ganz ruhig 
auf, ging an ihre Kiste, schloß sie auf, holte ein seidenes 
Tuch daraus hervor und sagte: „Dem, für welchen dieses 
Tuch bestimmt war, habe ich Treue geschworen, und ich 
verde sie ihm halten, so ehrend auch Dein Äntrag für 
nich ist. Er ruht zwar im dunkeln, unbekannten Felsen— 
chacht, und ich kann keine Blumen auf sein Grab pflaͤnzen; 
aber in meinem Herzen lebt er fort. Das hat keinen Raum 
für eine zweite Liebe!“ 
So lebte Marie still und ruhig weiter. Freier stellten 
ich keine mehr ein; denn es war bekannt geworden, daß 
iie den reichen Gerber zurückgewiesen habe. 
50 Jahre, ein halbes Jahrhundert, wie lange dünken 
sie uns, wenn sie vor uns liegen; aber wie ein Traum 
ind sie entschwunden, wenn sie erlebt sind, und — welche 
Veränderungen bringen sie in einem Orte und an uns 
elbst hervor! Ein ganz neues Geschlecht tritt auf. Die, 
nit denen man jung war, sind längst zu Grabe getragen. 
Man steht am Ende einsam da, wie ein entblätterler Baum 
auf steiler Bergeshöhe! 
Diese Erfahrung mußte auch Marie machen. Das 
Jahr 1737 war herangekommen, und Marie lebte noch so 
till und einsam in ihrem Häuschen wie früher. 
Da geschah es eines Tages, daß sich die Nachricht 
zerbreitete, die Bergleute hätten in einem Querschlage die 
Leiche eines schönen Jünglings aufgefunden, der noch aus⸗ 
ehe, als sei er eben erst gestorben. Er scheine gar nicht 
odt zu sein, sondern nur zu schlafen. Alles lief wieder 
sin wie an dem großen Unglückstage vor 50 Jahren; aber 
'o viele auch kamen, Niemand kannle ihn. 
Schon war von den Bergwerksbehörden der Besehl 
ertheilt, daß er auf dem Kirchhofe begraben werden sollte, 
als auch ein altes Mütterchen an einem Stocke herange— 
vankt kommt, so schnell nur die Füße es tragen können. 
Sie wirft einen Blick auf den Todten und erkennt 
ihn — es ist Klas. — Dann siukt sie neben ihm nieder, 
weint Freudenthränen und küßt ihn vor aller Augen.
	        
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