Full text: Der Bergmannsfreund (5)

—— 
reicher, hier in den Schluchten unsere Preußen schlagfertig 
stehn sahen. Weder Pferd noch Kuh, weder Milch noch 
Brod gab es in unserm VDörfchen mehr. Fast in jeder 
Nacht hörten wir die Kanonen donnern, und mit jedem 
neuen Morgen stellte sich auch neues Elend und neuer 
Jammer für uns ein. 
Einst hatten wir wieder die ganze Nacht hindurch 
schießen gehört; an Zubettgehn war gar nicht mehr zu 
denken, weil man in jeder Nacht horchen mußte, ob die 
Flamme nicht schon im Dachgiebel knisterte. Eben hatte 
ich das Morgengeläute besorgt, guckte zum Schallloche 
hinaus, um zu schauen, was uns an dem schrecklichen 
Tage wohl wieder bevorstehn könne, und zog, zum Himmel 
blickend und Gott dankend, mein Mützchen vom Kopfe, da 
mir Alles ganz ruhig schien. Ehe ich es jedoch wieder 
aufgesetzt hatte, jagte ein alter schwarzer Husar zum Kirch— 
hofe hinein, warf sich vom Pferde und band seinen Braunen 
an meinen Fensterladen. Wie mir zu Muthe ward, kann 
man sich leicht vorstellen. Ich flog mehr, als ich ging, die 
Thurmtreppe hinunter. Er aber ließ mir nicht einmal Zeit, 
meinen so freundlich als möglich hervorgestammelten „Guten 
Morgen!“ anzubringen, sondern rief mir in barschem Tone 
zu: „Geb' Er mir den Kirchenschlüssel, Schulmeister!“ Ich 
erschrak; denn obgleich das Bischen Kirchenvermögen und 
der vergoldete Kelch mit der Hostienschachtel in Sicherheit 
gebracht waren, so befand sich doch noch eine ziemlich reicht 
Ältarbekleidung mit Tressen in der Kirche. Ich legte mich 
auf Bitten und Vorstellungen, allein der alte Kriegsmann 
wollte davon Nichts wissen. Er sah mit einer so ganz 
eigenen Manier bald auf mich, bald auf seinen Säbelgriff, 
daß ich, um Unglück zu verhüten, voranging, um ihm die 
Kirchenthüre zu oͤffnen. Meine Frau, die hinter der Haus— 
thüre gehorcht hatte, und die vor der Gefahr immer ver⸗ 
zaͤgter, in der Gefahr aber immer entschlossener war als 
ich, tam aus Besorgniß um mich von freien Stücken binter 
uns her. 
Der Husar drängte sich in der Halle hastig voran, 
ohne sich umzusehen, an der Sakristei und dem Altar vor— 
über und schritt, so schnell es sein Alter erlaubte, klirr! 
klirr! die Chortreppe hinauf. Hier setzte er sich, Athem 
schöpfend, auf eine Bank und rief mir gebieterisch zu: 
Schulmeister, mach' Er die Orgel auf, und geb' Er mir 
ein Gesangbuch!“ Ich that augenblicklich, was er verlangte; 
meine Frau mußte die Bälge ziehen, der Husar hatte ein 
Lied aufgeschlagen und sagte nun in einem weit milderen 
Tone: „Wie schön leuchtet der Morgeustern! Spiel' er das, 
lieber Schulmeifter, aber so recht fein und ordentlich! Er 
versteht mich wohl!“ 
Ich spielte mit Herzenslust, und nach geendetem Vor⸗ 
spiele fiel der Husar mit seiner tiefen Baßstimme ein; 
meine Frau hinter der Orgel und ich thaten rin gleiches. 
Mein Herz wurde so muthig, daß ich mich oft nach meinem 
Zuhörer uümschaute und ihm ganz dreist in das Gesicht sah. 
Er sang mit großer Andacht, hatte die Hände gefaltet, und 
die hellen Thränen fielen über den eisgrauen Knebelbart 
über das Buch hinab. Jetzt war das Lied beendet; ich 
ging auf ihn zu, er schüttelte mir recht treuherzig die Hand 
und sprach: „Großen Dank, Herr Kantor; wo ist der 
Gotteskasten?“ 
Mein früherer Argwohn, daß es auf Plünderung ab—⸗ 
gesehen. sei, war nun gänzlich verschwunden. Ich holte 
unsere Armenbüchse, und der Husar warf ein Zehngroschen⸗ 
stück hinein. „Wir beide aber, wir theilen den Rest, Herr 
212 —- 
Schulmeister!“ sagte er dann, indem er noch zwei Zehn⸗ 
groschenstücke aus der Tasche zog, „da nehm Er das für 
Seine Mühe.“ Ich schlug es aus; aber er war so unge— 
stüm, daß ich es schlechterdings nehmen mußte. „Nehm' 
Er, nehm' Er,“ sprach er, Fes klebt kein Blut daran!“ 
Jetzt verließ er das Gotteshaus, und wir begleiteten ihn. 
Sowohl meine Frau als ich waren unglaublich bewegt; ich 
konnte mich aber nicht enthalten, unsern wunderbaren Gast 
auf dem Kirchhofe zu fragen, wie ihm denn der Gedanke 
gekommen sei, hier seine Morgenandacht zu halten. 
„Das will ich euch wohl sagen, liebe Leute,“ antwor⸗ 
tete er, indem er uns beide an der Hand nahm. „Gestern 
Abend sollte ein verlorner Posten ausgestellt werden, um 
mitten unter den umherschweifenden Patrouillen den Feind 
auf einem gewissen Punkte zu beobachten. Jeder von uns 
wußte, was die Sache auf sich hatte — wir sind seit eini⸗ 
zen Wochen brav daran gewesen. — Unser Rittmeister 
fragte nach Freiwilligen, Niemand bezeigte Lust. Endlich 
ritt ich vor, und meine drei Jungen konnten ja wohl der 
alten Vater nicht allein lassen. Er braucht es nicht zu 
wissen, wie wir es anfingen, Herr Schulmeister; — genug, 
wir schlichen uns durch und hielten die ganze Nacht auf 
einer buschigen Anhöhe. Links und rechts blitzte es um 
uns her; wir sahen bald hier, bald dort feindliche Mann⸗ 
schaften. — Nicht meinetwegen, — denn wie lange werde 
ich noch reiten? — sondern nur wegen meiner Söhne 
seufzte ich in der finstern Nacht: Herr, erhalte uns! Kaum 
hzatte ich es heraus, als es anfing zu dämmern und der 
Morgenstern mir ins Ange blitzte.“ Wie schön leuchtet der 
Morgenstern! fiel mir in diesem Augenblick aus meiner 
Jugendzeit ein. Gar Manches, was ich seitdem gethan, 
and was wohl nicht allemal recht war — hing sich wie eine 
Bleilast daran; ich rechnete nach, seit wie viel Jahren ich 
in keine Kirche gekommen war, und ich that Gott das Ge— 
lübde, wenn ich diesmal davon käme, wieder einmal eine 
Andacht zu halten. Das hab' ich denn nun gethan, und 
Er kann wohl denken, ob mir das: „Du Herr bist's, der 
mich diese Nacht durch deine Engel hat bewacht!“ von und 
zu Herzen gegangen ist.“ Mit diesen Worten setzte er sich 
auf und ritt davon. 
Allerlei. 
Ein Barbier in der amerikanischen Stadt Chikago soll 
während des vorigen Jahres in seiner kleinen Barbierstube 
die unerhörte baare Einnahme von rund 8000 Dollars 
(32000 Mark) gehabt haben. Das Ge heimniß dieses groß— 
artigen Erfolges bestand einfach darin, daß der Barbier 
als Gehülfen nur Taubstumme hält, die dann natürlich 
die Kunden nicht mit Redensarten, Anpreisung von Ge— 
heimmitteln u. dgl. belästigen können. 
Marktpreise am 24. Dezember 1875. 
zu Saarbrücken. zu St. Johaun 
dark Pfg. Mark Pig 
Centner Kartoffeln 3 — 3 — 
lPfund Butter 1 20 1 10 
1 Dutzend Eier 1 
Gegenwärtiger Rummer ist für die besonderen Abon⸗ 
nenten des Bergmannsfreund das Titelblatt und Inhalts— 
verzeichniß des 5. Jahrgangs (1875) beigelegt. 
Drucker um Verlegn WGebruder Ho fer in Saarbruden. (Erpedition der Saarbruder Zeitung.) 
erconwortlichet Rebacteur: A Haßzlach er in Saarbrücken.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.