Full text: Der Bergmannsfreund (3)

75 
Wenn aber trotz alledem jährlich weit über 100,000 
Briefe bei uns nicht an den Mann zubringen sind, so ist dies 
ein Anlaß zum Nachdenken, und hierin kann sicher auch der 
deutsche „Schulmeister“ helfen, der schon so Vieles gethan 
hat. Lehret die Kinder frühzeitig Adressen schreiben, so 
werden auch nach und nach die Tausende unbestellbarer 
Briefe sich vermindern, an denen oft tausendfache Sorgen, 
getäuschte Erwartungen, vergebliche Mihe hängen. 
Die Post lehrt neuerdings selbst schon das Publikum, 
Briefe zu schreiben. Sie hat eine nene Briefform erfunden, 
die Postkarte, welche jetzt beinahe schon die Reise um 
die Welt vollendet hat. Vor langen Jahrhunderten schrieb 
man auf Bleitafeln, Steine, Elphenbein, Holz, Ochsenhäute 
und Pergament. Heute genügt es, eine Postkarte zu nehmen, 
die für einen halben Groschen unsere Botschaft von einem 
Ende Deutschlands bis zum andern trägt, und bei der man 
sich noch dazu gleich die bezahlte Rückantwort für einen 
weitern halben Groschen bestellen kann. 
Zeitungen, Drucksachen, gedruckte Briefe besorgt uns 
die Post sogar für einen Viertelgroschen. Kreuzbandsen— 
dung heißt dies, ein Kreuzband ist aber meist noch nicht 
einmal erforderlich, es genügt die einfach auf das Stück 
geschriebene Adresse. 
Was der Post an Geldsendungen, sei es in Fäs— 
sern, oder Päckchen, sei es in Form von Geldbriefen, Posi— 
anweisungen, Postmandaten und recommandirten Sendungen 
durch die Hände geht, ist ganz ungeheuer. Die Summe des 
Geldverkehrs, welche unseren Reichspost besorgt, übersteigt 
gegenwärtig jährlich schon 4 Milliarden Thaler. J 
Wenn nicht gleich große Zahlen, wie der Geldverkehr, 
so doch ebenfalls erstaunliche Ziffern weisen die Post-Pa— 
kete nach. Es werden nämlich jährlich etwa 30 Millionen 
Pakete im Gewichte von 250 Millionen Pfund durch die 
Post befördert; 14,000 Fahrzeuge sind Tag und Nacht bei 
diesem Transporte beschäftigt. Auf Berlin allein kommen 
jährlich in der Weihnachtszeit über 1 Million Pakete, wie 
denn auch die Berliner Post am letzten Sylvestertage nicht 
weniger als 8384,000 Neujahrsbriefe zu besorgen haͤtte. 
Vergleicht man die Leistungen und Thätigkeit der heu— 
tigen deutschen Reichspost mit der ersten Posteinrichtung, 
wie sie der Fürst von Taxis im Jahre 1516 zwischen Wien 
und Brüssel errichete, so bietet sich uns ein Forischritt dar, 
wie wir ihn größer und staunenswerther in sast keinem an— 
dern Gebiete wahrzunehmen vermögen. 
Der reisende Bergmann. 
Erzählt von Nikolaus Blein Bergmann in Friedrichsthal. 
(sortsetzung und Schluß). 
Der ganze Tunnelbau war nun durch diese Ereignisse 
in Stockung gekommen. Da nämlich die Bahnsohle nur nach 
dem südlichen Ausgange hin Gefälle hatte, und sämmtliches 
Gestein nach dieser Seite hindurch gefördert werden mußte, 
so waren fast alle Arbeiter auf diesen Punkt angewiesen. 
Erst innerhalb drei Wochen war die Strece wieder fahrbar. 
Eines Abends nun ging Zobel in die Bergmanns⸗ 
Herberge, die Wirthschaft „zum großen Faß“, um sich ein 
wenig zu erholen. Da waren Bergleute von verschiedenen 
Unternehmern vertreten. Jeder rühmte seinen Bau. Auch 
ein Unternehmer Namens Willibald Rieger brüstete sich mit 
seinen schönen und vielen Bauen, die er schon im Laufe 
seiner Werkthätigkeit hergestellt hätte. Mit etwas spöttischem 
Lächeln wandte er sich jetzt zu Zobel. , Du bist auch ine 
von den Begrabenen aus dem Carlsthorstollen,“ sagte ei 
scherzhaft und suchte ihn zu blamiren. Zobel fühlte das 
Blut in allen seinen Adern rollen, so gröbliche Beleidigungen 
waren ihm wahrend seines Aufenthalts in Heidelberg noch 
nie vorgekommen. Obschon er auch nicht gewohnt war, ein 
Blatt vor den Mund zu nehmen, zog er es diesmal doch 
vor, zu schweigen. Er hatte nur zwei Kameraden bei sich, 
auf deren Stütze erx Fechnen konnte, hingegen war Rieger 
ihm vierfach überlegen. So dachte er bei sich, „Berge und 
und Thäler begegnen sich nicht, wohl aber die Menschen,“ 
und entzog sich dem Gespötte Riegers, — 
Für Zobel war die Zeit herangekommen, daß sein Paß, 
den er sich hatte nachschicken lassen, bald ablief, und er 
außerdem seiner Militärpflicht genügen sollte. Er mußte 
daher daran denken, nächstens die Stadt zu verlassen und 
nach seiner Heimath zurück zu wandern. Aber bevor er 
Abschied nahm, wollte er sich auch noch einmal das schöne 
Heidelberger Schloß ansehen. 
Wie überhaupt sich fast das ganze badische Land 
zwischen dem Rheinstrom und seinem Nebenflusse, dem Neckar, 
hindurchwindet, so liegt auch Heidelberg nicht weit vom 
Rhein, andererseits aber ganz dicht am linken Ufer des 
Neckars. Auf der linken Stadtseite erhebt sich ein mächtiger 
Berg, man könnte bald glauben, die Natur selbst hätte ihn 
zu einer Ritterfeste bestimmt. Und in der That ist auch 
auf ihm das mächtige Heidelberger Schloß erbaut, seine 
grauen, zum Theil mit Ephen bewachsenen Thürme ragen 
kühn empor, und von der Höhe derselben kann man das 
ganze Neckarthal mit der Stadt Heideiberg und bis in den 
Schwarzwald hinüber schauen. 
Der ehrwürdige Bau ist schon am Ende des 13. 
Jahrhunderts von dem Pfalzgrafen Rudolph J. aus dem 
alten Hause der Wittelsbacher projectirt und bereits im 
ersten Viertel des 14. Jahrhunderts wohnbar gewesen. 
Indessen war dies nur der dürftige Anfang des später so 
prächtigen Schlosses, aber die Burg muß schon damals 
wegen der vielen Fehden ihres Erbauers stark befestigt ge— 
wesen sein: letzterer mußte schließlich seine Heimath fliehen, 
e krank und hülflos umher und starb geächtet auf fremder 
rde. 
So erlebte dieser erste Bau schon in seinem Begründer 
ein herbes Geschick, und könnten diese kalten Steine reden, 
sie wüßten wahrlich von gar manchem Schrecküchen zu er— 
zählen, das an ihnen noch später vorübergegangen ist. 
Unter den Nachfolgern Rudolphs wurde nach und nach die 
Burg immer mehr erweitert und erhielt im Laufe der Jahr— 
hunderte den jetzigen Umfang. Als in den Jahren 1689 
und 1693 die Franzosen unter Melac sengend und brennend 
die Pfalz durchzogen, fiel auch das Heidelberger Schloß 
ihrer Zerstörungswuth zum Opfer. Zum Theil wurde es 
zwar später wieder hergestellt, aber dann 1764 durch Brand 
bis auf die Kirche zerstört. So liegt es heute noch da als 
eine der schönsten Ruinen Deutschlands. 
Berühmt ist das im Schloßtkeller befindliche große Faß: 
In Heidelberg, beim großen Faß, 
Da ließ sich's fröhlich sein 
Bei einem vollgefüllten Glas 
Von edlem Pfälzer Wein. 
Denn als dies Faß kam einst zu Stand, 
Da war ein Jubel in dem Land, 
Da freut' sich Alles, Groß und Klein, 
Denn voll war es mit Pfälzer Wein! 
Der Gedanke, ein solches Riesenfaß zu erbauen, wurde 
zuerst vom damaligen Pfalzgrafen Johann Casimir im Jahre 
1589 ausgeführt, wo der Weinstock so reichliche Früchte 
brachte, daß im ganzen Lande lauter Jubel erschallte
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.