Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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fuhr, theilte sein ausfahrender Kamerad ihm mit, daß Wet— 
ter vor Ort ständen, er sollte sich in Acht nehmen. 
Podehl fand auch Schlagwetter. Bald darauf kamen Zim 
merhäuer, welche die Wetterlutten verlängerten. Zwischen 
10 und 11 Uhr trafen die Wettermänner A. Theißen und 
Chr. Krämer vor der Arbeit ein, fanden ebenfalls et— 
was schlagende Wetter, riethen dem Podehl, nicht zu schießen 
und meldeten dies dem Fahrhauer Gruning, der in der 
Nachtschicht die Aufsicht in der betreffenden Abtheilung führte. 
Gleichwohl bohrte Podehl ein Loch und schoß es gegen 1 
Uhr ab, nachdem er zuvor die Wetter mit seiner Jacke ver⸗ 
trieben hatte. 
Gleich darauf kam der Fahrhauer Gruning vor Ort, 
revidirte die Wetter und äußerte, es sei nicht viel da; wes— 
halb er auch das Schießen nicht ausdrücklich verbot. Er 
will übrigens bei Podehl sowohl Zündhölzchen, als einen 
Nachschlüssel zur Sicherheitslampe gefunden haben. 
Gegen halb 3 Uhr hatte derselbe ein zweites Loch fer— 
tig gemacht und schoß dasselbe ab, ohne vorher zu unter— 
suchen, ob schlagende Wetter vorhanden seien, nachdem er 
jedoch abermals mit seiner Jacke die Luft bewegt hatte. 
Trotzdem der möglichen Gefahr sich bewußt, legte er sich 
nach dem Anstecken des Schusses auf die Erde, das Gesicht 
nach unten, die Arme unter dem Gesicht. 
Es erfolgte eine Explosion. Podehl selber kam mit 
leichter Verbrennung der Hand davon, aber in einem 60 
m. zurückgelegenen Bremsschachte erstickten in dem abziehen— 
den Nachschwaden der Hauer Heinrich Oldenhöner, 40 Jahre 
alt, welcher eine Wittwe mit 8 Kindern hinterläßt, und der 
Schlepper Friedrich Reinert, 17 Jahre alt. Außerdem wur⸗ 
den betänbt und verletzt zu Tage gebracht der Reparatur⸗ 
steiger Clasen, die Zimmerhäuer Heinrich Overmann, Heinr. 
Upekamp und Heinr. Rombeck, welcher letztere am 27. Oc— 
tober an seinen Brandwunden starb, und ca. 12 Mann. 
welche auf der Flucht betäubt liegen blieben, jedoch nach et 
wa 20 Minuten durch die herheigeeilten Hülfsmannschäfter 
unter dem Betriebsführer Kollmann aus dem starken Nach— 
schwaden gerettet wurden. Es fehlte wenig, so hätte der 
Fall 18 bis 20 Opfer gefordert. 
Podehl, seiner Schuld sich wohl bewußt, versuchte zu 
flüchten, wurde jedoch verhaftet und der fahrlässigen Tödtung 
und Körperverletzung angeklagt. Das Königl. Kreisgericht 
zu Bochum verurtheilte ihn durch Erkenntniß vom 14. No— 
vember v. J. zu zwei Jahren Gefängniß und in die Kosten. 
Der Einwand, daß ihm das Verbot des Schießens beim 
Vorhandensein schlagender Wetter nicht bekannt gewesen, 
wurde verworfen, weil sich ergab, daß die Polizeiverordnung 
vom 29. Januar 1872 in vorgeschriebener Weise sowohl 
durch Aushang im Zechenhause und Anschlag am Schachte, 
als auch durch vierteljährliches Verlesen vor der Beleg— 
schaft bekannt gemacht war. Uebrigens bewies das ganze 
Verhalten des Angeklagten, daß ihm das Gewagte seines 
Unternehmens vollkommen bewußt war. 
Der Fahrhauer Gruning versicherte eidlich, daß man 
Podehl nach der Explosion mit einem Hemde uͤm den Kopf 
gewickelt gefunden habe, was dieser freilich in Abrede stellte. 
Die Wittwe Reinert, Mutter des getödteten Schleppers Frie— 
drich Reinert, bei welcher Podehl in Kost lag, sagte Aus, 
daß letzterer, als er am 24. October Abends zur Schicht 
ging, auf ihre Frage, warum er so viel Pulver mitnähme, 
erwiedert habe, er hätte eine unglückliche Arbeit, aber wenn 
8 ihm gelänge, so hätte er 18 Thlr. verdient. Auch zu 
Kameraden, die ihn gewarnt, soll Podehl geäußert haben: 
er wisse Bescheid, er werfe sich zu Boden; dann ginge das 
Feuer über ihn weg. 
Das Königl. Appellations-Gericht zu Hamm ermäßigte 
zwar die Strafe auf 192 Jahre, jedoch nur deshalb, weil 
der erste Richter die 2 Jahre wegen fahrlässiger Tödtung 
und Körperverletzung verhängt hatte; die Verletzten 
hätten aber die Bestrafung nicht beantragt. Nach 8 232 
des Strafgesetzes für das deutsche Reich vom 15 Mad 1871 
wird fahrlässige Körperverletzung nur auf Antrag verfolgt, 
insofern nicht die Körperverletzung mit Uebertreiung einer 
Amts⸗, Berufs- oder Gewerbspflicht begangen worden ist. 
Daß Letzteres der Fall, hat das Koöͤnigl. Appellations— 
gericht nicht annehmen zu können geglaubt. Die Richtigkeit 
dieser Ansicht ist indeß zu bezweifeln und kann eine durch 
Vernachlässigung einer Gewerbspflicht verursachte fahrlässige 
Tödtung sogar mit Gefängniß bis zu 5 Jahren bestraft 
werden. Hätte das Kreisgericht die Körperverletzuug gar 
nicht erwähnt, so würde eine Minderung der Strafe in der 
zweiten Instanz vermuthlich nicht eingetreten sein. 
Die eingelegte Nichtigkeits-Beschwerde wurde von dem 
Königl. Obertribunal verworfen. 
Podehl, welcher überdies seit Ende October v. J. in 
Untersuchungshaft zugebracht hat, ist inzwischen erkrankt. Ab— 
gesehen davon, daß er sich selber jedenfalls für lange Zeit 
unglücklich gemacht hat, hat er den Tod von Dreien seiner 
Kameraden und die Verletzung mehrerer Andern herbeige⸗ 
führt. Daß der Fall nicht weit schlimmere Folgen gehabt, 
ist nur besonderen Umständen und der muthigen Aufopfe— 
rung der herbeigeeilten Bergleute und Beamien zu danken. 
Denn in der Regel erliegen bei den Rettungsversuchen 
mehr Opfer, als bei dem Unglück selber. 
Der reisende Bergmann. 
Erzählt von Nikolaus Plein, Bergmann in Friedrichsthal 
II. 
(Fortsetzung.) 
Die Anwesenden hatten Zobel die Hand gereicht und ihn 
von Kopf bis zu Fuß gemessen. Im Grunde sah er ihnen, 
obschon der Reisestaub ihm auf den Kleidern lag, noch et— 
was zu ordentlich aus. Aber Zobel machte sich sofort schon 
mit seinen neuen Genossen bekannt und that lustig und 
fidel mit. Ob's ihm aus dem Herzen kam oder nicht. 
war doch auch schwer zu rathen. 
Das Bier wurde nun in Krügen, wovon jeder ein 
Maaß oder 4 Schoppen hielt, herbeigebracht. Es war schon 
ausgemacht, daß Zobel bei ihnen in Arbeit treten sollie. 
Am Schloßbergabhange nämlich, nach der Stadtseite 
zu, auf einigen Stellen noch unter verschiedenen Gebäulich— 
keiten der Stadt hindurchführend, war ein Tunnel im Bau 
begriffen, dessen Sohlstollen schon durchschlägig war und 
1000 Meter durchschnittliche Länge hatte. Von der Stadt— 
seite her waren wieder 4 Gegenstollen auf den Hauptstollen 
zu getrieben von je 40 —bis 50 Meter Länge, so daß der 
Durchschlag des Hauptstollens schneller bezweckt und auf 
diese Weise der Hauptstollen auf zehn Stellen zugleich in 
Angriff genommen werden konnte. Auch die Wettercirecu— 
ation bot keine Hindernisse dar. Die Förderung wurde 
Anfangs mit Schnappkarren durch die Nebenstraßen der 
Stadt hindurch bis zum Ufer des Neckarflusses bewerkstel— 
ligt. — In derselben Richtung wie der Sohlstollen war 
auch ein Firstenstollen oder Kopfstollen in Betrieb, der 
parallel mit dem Sohlstollen fortgesetzt wurde, derart, daß 
zwischen beiden Stollen ein Mittel oder Kern stehen blieb 
von ungefähr 192 Meter Stärke. Auf je 30 bis 40 Meter
	        
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