Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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Ein Winterfest der Harzer. 
„Aeußerlich arm und gebückt, 
Innerlich rein und geschmückt!“ 
— ist das Motto der Harzberge und ihrer Bewohner. 
Die Harzberge sind wirklich recht arm auf ihrer Ober— 
fläche. Im Oberharz gedeihen neben den Tannen nur noch 
Hafer und Kartoffeln auf dem magern, von rauhen Winden 
gefegten Boden. Und auch diese sonst so bescheidenen Ge— 
wächse erfrieren sogar noch im Anfang Juni. Wie bezeich. 
nend für diese arme, unfruchtbare Gegend heißt ein Dorf 
des Oberharzes, auf dem Wege von Elbingerode nach dem 
Brocken zu: „das Elend“! Obst gedeiht dort oben gar nicht. 
Man sieht wohl hin und wieder ein einzelnes Kirschbäum— 
chen in einem sonnigen Winkel stehen .. es blüht sogar 
zuweilen und setzt kleine grüne Fruchtknöpfchen an ... 
aber dann kommt plötzlich über Nacht ein tödtlicher Frost 
und schüttelt das arme Bäumchen so rauh, bis die letzte 
Fruchthoffnung am Boden liegt. 
Aber im Innern — tief unter den dürftigen Hafer— 
und Kartoffelfeldern sind diese „armen und gebückten“ Harz— 
berge „reich und geschmückt“. Da ziehen sich durch flim— 
merndes Gestein reiche Adern von Silber, Kupfer, Eisen, 
Schwefel und auch hin und wieder ein Aederchen Gold. 
Auch das Leben der Harzbewohner ist nach außen zu 
„arm und gebückt“ — von Noth und Entsagung und bitter 
— 
durch Gottvertrauen und Zufriedenheit und echten Frohsinn. 
Ich bin in der schindelgedeckten Hütte des armen Berg— 
manns gewesen und ich habe seine Augen leuchten sehen, 
wie er mir seine Blumen in dem Gärtchen vor der Thür 
und in den Scherben auf dem Fensterbrett zeigte, wie ich 
seinen größten Schatz, seine vielen lieben Kanarienvögel und 
Finken, bewundert, wie ich andächtig dabei saß, als er mir auf 
meine Bitte auf der kleinen altersschwarzen Zither, die schon der 
Urgroßvater in derselben Bergmannshütte geschlagen hatte, 
die uralten melancholischen Bergmannsweisen und das Lied 
von dem furchtbaren Berggeiste mit dem Gesicht wie Spin— 
nengewebe und den wilden Feueraugen und dem flackernden 
Grubenlichte sang ... und wie der Bergmann tief unten in der 
Erde bei seiner mühseligen und gefährlichen Arbeit auf die 
Kniee sinkt und sein leßtes Gebet spricht für seine arme 
Seele und für Weib und Kind daheim in der Hütte — 
wenn ihm der Berggeist so erscheint ... er weiß es ja: 
es ist sein letztes Slündlein — in der nächsten Minute 
schon bricht ein böses „schlagendes Wetter“ los und der 
Schacht stürzt über ihm zusammen und er sieht nimmer 
wieder den goldenen Sonnenglanz und das lachende Him⸗ 
melsblau und seine Hütte und Blumen und Vögel — nim— 
mer Weib und Kind... 
Und dann fuhr ich mit dem Bergmann hinab — Hun⸗ 
derte von nassen, schlüpfrigen Leitersprossen hinab in den 
düsteren Schacht, und er zeigte mir das blinkende, erzreiche 
Gestein, und wie Tag und Nacht — ja eigentlich immer 
in Nacht — das Gestein gebrochen, gehauen und gesprengt 
und dann in das Hämmer- und Waschwerk auf die Erde 
geschafft wird ..und auch nicht ein bitteres, murren— 
des Wort kam über die bleichen Lippen — nein, nur war⸗ 
mer, aufrichtiger Dank gegen die Regierung, die durch den 
Bergwerkhetrieb stets für Arbeit sorge. 
„Können Sie denn aber glücklich sein bei diesem harten 
Dasein voll Arbeit und Entsagung?“ entfuhr es mir un— 
willkürlich ... 
Da sah mich das große lichtblaue Auge meines Führers 
verwundert — fragend — staunend an“. .. dann sagte 
er einfach — und sein leichtes Lächeln glitt dabei über die 
blassen Züge: „Ich bin gesund — ich habe meine tägliche 
Arbeit, mein täglich Brode .. ich bin zufrieden!“ 
tind Wie beschämend für uns sonnenverwoöͤhnte Menschen— 
inder! 
Ich habe im Harz auch in den Eisenhämmern und 
Walzwerken, Gießereien und Silberschmelzen gestanden 
und, die Männer in der glühenden Feuerhitze arbeiten und, 
obgleich ihre Kleidung nur in einem langen Hemde bestand, 
in Schweiß gebadet gesehen ... und jener berühmte „Sil⸗ 
berblick“ dort im Schmelzofen fehlte auch ihrem Leben hicht. 
Ich habe die Köhler bei ihren Meilern und die Holzfäller 
und Schindelspalter bei ihrer mühseligen Arbeit belauscht — 
und sie murrten nicht. Ich habe der armen Klöpplerin bei 
ihrer kunstvollen Arbeit zugeschaut, und freundlich zeigte sie 
mir, wie die verschiedenen Spitzenmuster geklöppelt wurden 
2 und als ich sie fragte: „Wie viel verdienen Sie wohl 
den Tag über aim Klöppeltisch?“ da hob sie das blaffe Ge— 
sicht mit den lichtblonden Flechten zu mir auf und sagte 
einfach, als verstände sich das von selber: „Wenn ich früh 
anfange und den Tag über recht fleißig bin und ein schwie⸗ 
riges Muster arbeite — dann kann ich wohl am Abend 
sagen, daß ich 3 — und wenn's hoch kommt: 4 Sgr. ver⸗ 
dient habe!“ 
Ich bin mit den „Lastthieren des Harzes“ — jenen 
armen Weibern, die in großen hölzernen Buütten auf dem 
Rücken Holzschnitzereien, Harzkäfe, Butter, Waldbeeren oft 
meilenweit in die Badestaͤdte und Dörfer am Fuß des 
Harzes ... oder die in ähnlichen Holzbütten Dünger und 
Jauche auf mühsam mit der Hacke an steilen Abhängen 
urbar gemachtes Ackerland tragen — um vielleicht morgen 
schon von einem starken Gewilterregen ihre Arbeit und den 
kostbaren Dungstoff weggespült zu sehen — oft stundenlang 
plaudernd über die Berge gegaͤngen, und ich war danuß 
stets beschämt von ihrer dankbaren, gläubigen Frohnatur. 
Ich habe die großartigen Schwefelholzfabrüken bei An— 
dreasberg besucht — und fand Kinder von 728 Jahren 
mit den kleinen, fleißigen, geschickten Händen ihr Brod ver—⸗ 
dienen ... Ihre Freizeit — ihre Erholungsstunden — 
waren in der Schulstube, und diese Harzkinder singen so lieb— 
lich rein und hell ihre Kinder- und Gesangbuchlieder, wie 
ich nie in den vornehmen Stadtschulen fingen hörte. 
So eng verwachsen der Harzer mit seiner Arbeit, so 
treu und frohsinnig hängt er auch an seinen von den Ur— 
eltern überlieferten Festen. 
Die Hauptfestlichkeiten sind das alljährlich zu Klaus— 
thal und Zellerfeld gefeierte, Johannisfest“, das klausthaler 
und goslarer Schützen? und die Bergmauns- und Hülten— 
feste zu Harzgerode, Andreasberg, Klausthal und auf dem 
Mägdesprung. Mit herzlicher Theilnahme habe ich hier 
die innere Frohnatur des Harzes in liebenswürdigster Zwang⸗ 
losigkeit aufjubeln sehen. 
Auf diese Sommerfeste freute der Harzer sich schon 
das ganze Jahr. Und wie traurig klingt es in dein Ge— 
dichte von den Purpurröslein-Lippen des holden Bergmanns⸗ 
kindes, das sich auf das Bergfest nicht mehr freuen darf 
Aber seit die Muhme todt ist, 
Können wir ja nicht mehr gehn 
Auf den Schützenhof zu Goslar — 
Dorten ist es gar zu schön ... 
Dazu kommen noch die kirchlichen Feste, die der Harzer 
treugläubig begeht, und die originellen Familienfeste der 
Hochzeiten, Kindtaufen und — — des Schweinemetzelns! 
Ja, mögen meine Leser, die sich Schweinefleisch und 
frische Wurst und Schinken einfach für ihr blankes Geld 
vom Metzger holen, auch darüber lächeln. daß ich etwas so
	        
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