Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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Auch hatte man binnen Kurzem eine beträchtliche Tiefe er— 
langt; im selben Jahre 1482 waren die meisten Schächte 
bereits 100 Lachter unter die Stollen niedergebracht. Wieder— 
holt kam es indessen auch vor, daß bei außergewöhnlichen 
Wasserzugängen sämmtliche Gruben ersoffen. Außer vielen 
Kunstgezeugen hatte man auf den Schächten 89 Göpel. — 
Die Schmelzhütten befanden sich in den ersten Zeiten zu 
Zwickau, wo man die Erze vor der Stadt auf dem Anger 
verschmolz, nachher aber wurden deren 18 in Schneeberg 
selbst erbaut. 
Wie unter den Gewerken, so hatte sich auch bei den 
Schneeberger Bergleuten eine große Ueppigkeit eingestellt. 
Als ihnen deßhalb 1496 an ihrem Hauerlohn ein Groschen 
abgezogen werden sollte, empörten sie sich und stellten die 
Arbeit ein. Während ein Theil von ihnen davonlief nach 
benachbarten Bergorten, schlugen die andern zu Schneeberg 
Richter und Schöppen in die Flucht, und die Stadt mußte 
mit Gewalt, unter Zuziehung des Landvolkes, wieder ein— 
genommen werden. Doch kehrten viele Berglente nach 4 
Tagen wieder zu ihrer Arbeit zurück. Gleichwohl erneuerte 
sich die Widersetzlichkeit schon nach 2 Jahren, wo die Berg— 
seute eine Höhe besetzten und entschlossen den gegen sie auf— 
gebotenen Zwickauern entgegenzogen, aber endlich durch 
gütliches Zureden beruhigt wurden. 
Im 16. Jahrhunderte blieb zwar der Schneeberger 
Bergbau mit wechselndem Glück noch immer reich und 
wichtig, aber sowohl die Silbergewinnung als auch die 
Ausbeute gingen im Vergleich zu früher mehr und mehr 
zurück. Der dadurch veranlaßte Ausfall im Verdienste der 
bergmännischen Bevölkerung führte 1561 zu dem seit dieser 
Zeit im ganzen Erzgebirge sehr verbreiteten Nahrungszweige 
des Spitzenklöppelns. 
Einen kurzen Aufschwung des Bergbaus brachte die 
Entdeckung der Kobalterze oder vielmehr ihre Verwendung 
zu der bekannten blauen Farbe, eine Erfindung, von welchen 
Sachsen die Ehre mit den Chinesen theilt. Wahrscheinlich 
hat das Verschmelzen des mit Kobalt vermengten Quarzes von 
Schneeberger Gruben auf der benachbarten Glashütte die Ent— 
deckung herbeigeführt, in Folge deren seit 13575 ein ausgedehn— 
ter Handel mit Kobalt sich entwickelte und nach und nach eine 
Reihe von sogeuannten Blaufarbenwerken im Lande entstanden, 
welche aus den Kobalterzen die sehr gesuchte schöne blaue 
Glasfarbe darstellten. Erst in unserer Zeit ist diese Farbe 
allmählig durch das neu entdeckte Ultramarinblau und das 
Berlinerblau verdrängt worden. 
Aber trotz der Kobalterze war es mit der Blüthe des 
Schneeberger Bergbaus nach dem 16. Jahrhunderte für 
immer vorbei; die zwar noch zahlreichen Gruben sind heute 
nur mehr von ganz untergeordneter Bedeutung, nameuntlich 
hat der Silber-Ertrag seit lange fast völlig aufgebört. 
181 Erzählungen 
oon Wilhelm Fischer. 
III. Danderberg. 
„Was hast Du da wieder geschrieben ?“ fuhr der Kauf⸗ 
mann K. seinen jüngsten Lehrling an, der ihm eine Rech⸗ 
nung zum Quittiren vorlegte. „O. den 12. Jamuar 1873! 
Und wir schreiben schon über eine Woche 73, und der Neu⸗ 
jahrsnacht solltest Du Dich doch erinnern, hast ja gehörig 
mitgemacht, und Dir beinah einen Daumen abgeschossen. 
Aber so bist Du; immer schnell fertig, immer obenhinaus, 
darüberweg. Hast Dir auch glücklich vie Napoleous wieder 
zu 5 Thlr. 10 aufhängen lassen — werde doch endlich ein⸗ 
mal pünktlich, genau, exact — ich hab's Dir schon tausend⸗ 
mal gesagt!“ 
Er hätte in seiner Strafpredigt wohl noch fortgefahren, 
wenn nicht sein Freund D., der unbemerkt aus dem Laden 
in das kleine Comptoir getreten war, ihm die Hand auf 
die Schulter gelegt und vernehmlich: „Guten Morgen, Herr 
Gevatter!“ gerufen hätte. Ihn dauerte der arme junge 
Mann, der mit gesenktem Kopf vor dem heißblütigen Prin— 
zipale stand. Und so geht's einem guten Menschen gewöhn— 
lich, wenn er einem Schwächern, durch dessen begangenen 
Fehltritt er nicht zu leiden hat, von einem Höheren oder 
Stärkern übel mitspielen sieht. Mir selbst ist's ein unan— 
genehmer Anblick, wenn ich zu einer häuslichen Execution, 
zur gewiß wohlverdienten Züchtigung eines Kindes durch 
Papa oder Mama hinzukomme; dagegen hau' ich in ge— 
reiztem Zustande mit Vergnügen — nein, das ist doch 
nicht wahr! — genug, ich haue höchsteigenhändig einen 
widerspänstigen Bengel durch, und dabei würde wiederum 
der Herr Vater kein kaltblütiger Zuschauer sein. 
„Guten Morgen, Herr Gevatter!“ Mehr sagte der kluge 
D. nicht. Aber lag's nun in der Betonuug, oder worin? 
item, der eben noch so grimmige K. sprang fast verwirrt 
zu einem herzlichen Gegengruße auf, strich dann behende 
das Geld ein und unterzeichnete die Quittung, worauf der 
Lehrling, mit einen daukbaren Blick auf den Blitzableiter— 
so gescheit war, sich schleunigst zu entfernen. 
„Sie können nicht denken, welche Noth man mit den 
jungen Lenten hat!“ sagte K. gleichsam entschuldigend. 
„Glaub's wohl!“ versetzte D. ‚meine Knechte 
machen mir das Leben auch oft sauer. Sie haben Recht: 
Pünktlichkeit im Geschäft, Accuratesse auch in Kleinigkeiten. 
Doch Nichts für ungut“ — dies ist immer die Einleitung 
zu einer unangenehmen Bemerkung! — „Sie sind ein wenig 
heftig, übertreiben Sie's nicht! Ich wenigstens weiß einen 
Fall, wo der Eine durch einen Schreibfehler sein Glück ge— 
macht, und der Andere es durch übergroße Genauigkeit ver— 
scherzt hat.“ 
„Da wär' ich begierig,“ rief K., „aber bitte, nehmen 
AV 
gut, wo ich bhin,“ meinte D. — „Nein, hier im Sessel, 
und meine Frau soll uns ein Glas Wein“ — „Danke 
wirklich!“ sagte D. entschieden, „aber eine Cigarre nehm' 
ich mir, und wenn Sie das Geschichtchen hören wollen. 
einen Augenblick haben wir noch Zeit.“ 
„Als ich noch ein Büblein war, und von O. Nichts 
wußte, und an den Ufern der schönen Sieg spielte, da war 
der reichste Mann weit und breit der alte Donderberg, 
früher Kaufmann in Köln, jetzt vielleicht noch, stiller Theil— 
haber im Geschäft, sonst aber Rittergutsbesitzer ꝛc. Und 
gerade der verdankt seinen Reichthum einem glücklichen 
Schreibfehler. Freilich, zu den ganz Armen hätte man ihn 
nie zählen können. Er besaß schon im Anfange des Jahr— 
hunderts eine nicht allzu geringe Handlung; denn eines 
schönen Morgens setzte er sich hin und bestellte 600 Cent— 
ner Tabak in Amsterdam. Aber was für Augen machte er, 
als die Sendung ankam: da waren's ihrer gerade zehnmal 
so viel, statt 600 also 6000 Centner! Er verweigerte die 
Annahme, er schrieb sofort zurück. Die Mynheers bewiesen 
ihm indessen, sehr höflich, aber sehr hartnäckig, durch seinen 
eigenen Brief, daß sie genau seine Ordre erfüllt hätten: er 
hatte eben eine Null zu viel gemacht, und das ist bei un— 
serm wunderbaren Zahlen-Systeme ein verfluchter Un— 
erschied. — Was thun? Er mußte den Tabak behalten, 
schimpfte dafür wie ein Rohrspatz auf die Holländer und
	        
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