Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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mochten, so wandte sie sich um und rief: „Kathrein, lass' 
es ein Bissel 'nausziehn.“ Machte nun die Kathrein die — 
Stubenthür auf, daß das helle gelbe Tageslicht in die 
blauqualmende Stube drang und die Wolken in die Haus— 
flur, so rückten die Männer, die der Thür zunächst saßen, 
zusammen und sagten, sie hätten die ganze Woch' genug 
bon der Luft draußen, am Sonntag aber wollt' man auch 
einmal wissen, daß man sich's bequem machen könnt' und 
wohlig. Da blieb die Thüre zu und der Qualm legte sich 
wie eine schwere Decke unter die Querbalken. Dort blieb 
er hängen wie ein ausgespannter Teppich, die Lichter 
brannten ganz trüb am Schenktisch und die Mannen hatten's 
ganz bequem und wohlig. — 
Daheim aber in des Valentin Stube, da lag die jnnge 
Mutter hinter den blaugewürfelten Vorhängen und das 
Kind in der Wiege. Durch die dämmrige Stube gingen 
die leisen, ruhigen Athemzüge der Schlummernden, die 
Wanduhr pickte, und wenn sie die Stunden schlagen sollte, 
fing es an zu surren und zu rasseln in ihrem Innern, 
aber zum Schlagen kam es nicht, denn die Amme hatte das 
Schlaggewicht festgebunden, ehe sie heim gegangen war, 
daß der Kuckuck Mutter und Kind nicht stoͤren sollt' im 
Schlafe. 
Draußen schwebte eine helldämmrige Frühlingsnacht 
um Büsche und Bäume, leise streichelte sie die schwellenden 
Knospen, daß bebend vor Luft die weichen grünen Blätt— 
chen sich dehnten und ihre braunen Hüllen sprengten. Die 
Schneeglöckchen läuteten leise in die schlafende Welt hinein. 
Am Himmel stand ein Stern, sunkelhell und strah— 
lend. Gerade auf das Kind in der Wiege blickte er, und 
das Kind hätte müssen in seinen Schein blicken, wenn es 
die Augen aufgemacht hätte. Aber das Kind schlief — — 
da ward der Stern größer und immer größer, er löste sich 
ab von dem ruhigen Himmel und schweoͤte hernieder, weiße 
Frühlingswölkchen flogen ihm nach wie ein wehender Schleier 
durch die lauliche Nacht. Und sieh! da füllie Sternenlicht 
die Stube, und au die Wiege des Kindes trat eine helle, 
wunderbar schöne Gestalt. 
War's nicht ein Ostersonntags-Kind, das in der Wiege 
lag 2 ein Kind, dem die guten Geister hold sind und das 
die Feen beschenken? Und horch! Rauscht es nicht draußen 
im Hollunderstrauch? Kommts nicht geschwommen wie 
Regenbogenglanz? Wahrhaftig, da ist auch die zweite der 
Feen. Um Mutter und Kind floß der verklärende Schein, 
und es trat die Zweite heran, die vielfarbig schimmernde. 
„Ei, Schwester!“ sagte sie, „wir haben uns schon 
lange nimmer begegnet, kommen sellen zusammen mehr, 's 
ist schade: was schenkt denn Eure Gnade der Kleinen'“ 
Da beugte die Erste sich nieder zu dem Säugling 
und sprach: 
„Was zum Gebinde 
Ich gebe dem Kinde? 
Was ich ihm spende, 
Kann es wohl brauchen: 
Rührige Hände 
Und heitere Augen!“ 
„„Wie sie das gesprochen hatte, flog ein heiteres Glänzen 
über das Antlitz der Mutter und des Kindes. Aber die 
Zweite redete eifrig entgegen. , Das ist kein Feengeschenk,“ 
sagte sie, „Feen haben von jeher etwas Anderes geschenkt 
F.einen Prinzen wie Milch und Blut, item einen Wagen 
mit sechs schwanenweißen Rossen, item golden Geschmeide 
und brokatene Kleider. So ist es immer Brauch gewesen.“ 
Und um das Versäumte wieder gut zu machen, ließ sie 
ihren perlmutterschimmernden Mantel wehen und sang: 
„In Ambraduft und Silberschein, 
Süß Liebchen, sollst Du schlafen; 
Dir chenk ich einen schönen Traum 
Von jungen Prinzen und Grafen, 
Von eitel flittrigem Modetand, 
Von goldenen Hauben mit Schneppen. 
Von Sammetmieder und Perlenband, 
Von schimmernden Atlasschleppen, 
Von eꝛinem lichtexfüllten Saal, 
Von prunkenden Galawagen, 
Des Zauberprinzen junges Gemahl 
Zum Hochzeitfeste zu tragen!“ 
Dazu schaukelte sie die Wiege, daß das Kind noch tiefer 
eingelullt ward. Aber die Erste beugte, schon hochschwebend, 
sich herab zu der Mutter und sprach: 
„Leitet, treue Mutterhände, 
Hüte du, o Muttersinn, 
Daß des Mädchens Fuß sich wende 
Nur zum rechten Pfade hin!“ 
Da ging es wie ein seliges Ahnen und Athmen über 
das Antlitz der Träumenden, ihre Hand regte sich, als wolle 
sie nach dem fliehenden Glanze greifen, ein tiefer Athem— 
zug hob ihre Brust wie ein bewunderndes Ah! Sie setzte 
sich im Bette auf und strich sich das Haar zurück. Wo 
waren die Feen hingekommen? Die wunderbaren Gestal— 
ten, die sich über die Wiege des Kindes gebeugt im strah— 
lenden Lichtglanz? Fort! aber die Stube war noch voll 
von verwehenden Scheines und Duftes. — Da knarrte draußen 
der Riegel an der Gartenthür und Valentin's schwerer 
Tritt tönte durch den Gang. Jetzt kam er herein in 
die Stube, wo halbwach, noch umwoben von Rosenglanz, 
die junge Mutter im Bette saß. Aber der Valentin 
merkte Nichts weder von Silberschein noch von Rosenduft, 
das machte des Adlerwirths Achter, der hatte eine gatr 
tarkduftende Blume, man hätt' es nicht meinen sollen üm 
so ein Geld. Es war halt kein bös Gewächs, was da hin— 
aukletterte die sonnigen Hänge, und war's schon werth, daß 
man rodete und Dung trug im Winter, und gätete und 
pflanzte und sich abschaffte durch alle vier Jahreszeiten, man 
hatte nachgehends auch Etwas davon. So dachte der Va— 
entin, wie er in die dunkele Stube stolperte. Da fuhr das 
innge Weib auf aus den halbwachen Träumen: „Bist Du's, 
Valentin?“ Das Kind in der Wiege schrie und die Uhr 
surrte und schnurrte, als wolle sie nimmer aufhören, denn 
e sollte jetzt zehn Uhr schlagen und dazu zehnmal Kuckuck 
rufen. 
„Ja, ich bin's!“ sagte der Valentin. „Macht nur 
kein so Lebtag miteinander, man hört ja sein eigen Wort 
nicht.“ 
„Geh Mann, gieb mir das Kind!“ sagte die Frau. 
Der Valentin tappte nach der Wiege und waͤrf unterwegs 
mit großem Geräusch einen Stuhl um. 
„Da!“ sagte der Valentin und reichte der Mutter das 
Kind; „'s ist weiß Gott nothwendig, daß ich wieder heim 
komm, um Ordnung zu schaffen; steht der Stuhl mitten im 
Weg und ist stichdunkel; daß ich nicht den Hals gebrochen 
hab', ist ein Gottesglück. So sind aber die Weiber!“ Wäh— 
rend dieser Rede schlug der Valentin Licht mit aller Kraft 
und so eifrig, daß er sich mehrmals auf die Finger schlug, 
statt auf den Stein. Endlich brannte das Lämpchen und 
der Valentin ging so übellaunig nach dem umgeworfenen 
Stuhl hin, hob ihn auf und stelite ihn so gewaltsam nieder, 
daß die drei Beine vor Schmerzen knackten und der ganze 
Stuhl ächzte und wimmerte, als sich der Valentin nun drauf 
niederließ. Da fiel sein Blick auf die junge Muter, die 
das Kind an der Brust hielt und auf den Säugqling herab—
	        
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