Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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dern durch Ablösen nach vorherigem Auftrennen der Nähte dolgender zweiter mächtiger Ruck ließ weiter keine Täu— 
oder Aufschneiden geschehen muß, damit nicht etwa die in schung mehr zu, es war rauhe Wirklichkeit. 
Blasen erhobene Haut abgerissen und die verbrannte Stelle Sein und seiner ganzen Familie Schlafstätte befand 
dadurch ihres natuͤrlichen Schutzes beraubt werde. sich im zweiten Stock des Hauses; im Erdgeschosse war die 
Bei leichten Graden der Verbrennung genügt es, den Wirthschaftseinrichtung und der Kaufladen mit sämmtlichen 
verbrannten Theil in kaltes Wasser zu tauchen, oder kalte Waaren untergebracht. Sofort nach dem erwähnten Stoße 
Umschläge auf denselben zu machen; oder man bedeckt die pprang Wellenstein auf und eilte die Treppenstiege hinunter. 
geröthete Stelle mit Lehm oder einem dicken Brei von ge- Äber, kaum bis in die Hälfte der Treppe gekommen, fuhr 
riebenen rohen Erdäpfein, und erneuert diese, sobald sie er erschreckt zusammen, der ganze untere Raum stand voll 
heiß werden. Auch das Auflegen von Kohl-, Rüben-, Kraute Wasser; draußen wüthete der Sturm wie auf einem toben⸗ 
uͤ. s. w. Blättern wirkt wohlthätig kühlend. den Meere. Wellenstein, dem im ersten Augenblicke der 
Sind Blasen bei der Verbreunung entstanden, so sind Schrecken alle Glieder gelähmt hatte, eilte zurück zu seiner 
vor Allem diese mit möglichster Schonung an den abhängig- Familie. Hülflos dem schrecklichen Elemente preisgegeben 
sten Stellen aufzustechen, (nicht aufzuschneiden) und wird und noch bevorstehendes größeres Unglück ahnend, suchten 
dann die in den Blasen enthaltene gelbliche, wässerige Flüssig- alle Trost und Stärkung in inbrünstigem Gebete. 
keit durch sanftes Ausdrücken entleert, mit einem feinen Inzwischen hatten auch die übrigen Dorfbewohner, deren 
Leinwandlappen abgetrocknet, und die verbrannte Stelle mit Häuser mehr vom Flusse zurückstanden, aufgeschreckt durch 
einem feinen, mit Hel, ungesalzener Butter oder Schmalz den Sturm, die Gefahr bemerkt, welche dem Hause Wel⸗ 
bestrichenen Läppchen bedeckt, über welches demnächst forte ensteins drohte, und machten fich ohne Besinnen an das 
während kalte Umschläge zu machen sind. Rettungswerk. Bei der schon erwähnten Steinplatte im 
In gleicher Weise ist auch bei starken oder tiefgehen- Flusse, von welcher Wellenstein seinen Namen bekommen, 
den Verbrennungen, wo keine Blasen mehr vorkommen, soe Jatten sich Reiser und anderes Gehölz in Menge festgesetzt. 
wie bei Verätzungen mit Säuren, gelöschtem Kalk, Laugen Da grade an dieser Stelle der Fluß eine scharfe Biegung 
u. s. w. vorzuͤgehen: die wunden Stellen sind mit einem machte und nun die ungeheuren Eisschollen sich an dem Ge— 
fettigen Lappen zu bedecken und darüber kalte Umschläge dölz feststemmten, so hatte sich das Wasser hier bald haushoch 
anzuwenden; nur müssen überdies bei Verätzungen die be- aufgestaut. Auf der einen Seite des Flusses standendie riesigen 
troffenen Theile vor Auflegung des fettigen Leinwandfleckes Thuͤrme des Schlosses Bruch, auf der andern eine schroffe 
sorgfältig mit reinem Wasser abgespült worden sein. Felsenhöhe, dem aufgestauten Wasser verblieb daher nur 
Als ein ganz vorzugliches Hilfsmittel hat sich auch in ganz schmaler Abfluß. Hier mußte zunächst Hülfe ge— 
die Baumwolle bei fäst allen Graden der Verbrennung be- chaffen werden, um Wellensteins Haus zu befreien. Mit 
währt und kann daher dieselbe gleichfalls mit Rutzen Jrößter Aufopferung gaben sich die Dorfbewohner an's 
angewendet werden. Es werden dann die verbrannten Werk. Muthig, ja selbst tollkühn wagten sich Einzelne selbst 
Theile, nachdem die vorhandenen Blasen zuerst geöffnet und in die angeschwollene Fluth, mit Feuerhaken und Stangen 
entleert worden sind, mit einer dicken Schicht Baumwolle halfen die andern nach, um die Eisschollen und das Gehölz 
oder Watte umwickeit und diese mittelst eines darüber ge- Iu beseitigen. Den vereinten Kräften gelang es endlich, dem 
hundenen dünnen Tuches oder einer Binde locker befestigt. aufgestauten Wasser freien Abzug zu verschaffen. 
Die von wässeriger Flüssigkeit durchnäßte Wolle wird von Wellenstein mit seiner Familie war gerettet. Das 
Zeit zu Zeit vorsichüg enifernt und sogleich wieder durch Wasser war aus dem Hause gewichen. Mit den Seinigen 
frische, trockene ersetzt. Die fernere Behaudlung aber ist trat er hinaus unter das blaue Sternenzelt und brachte 
sodann dem Arzte zu überlassen. dem Herrn über Leben und Tod ein heißes Dank— 
gebet dar. Auch den muthigen Dorfbewohnern, die 
ihn gerettet, vergaß er nicht, seinen Dank darzubringen. 
Die Nacht vom 16. auf 17. Februar hieß seitdem bei den 
Bewohnern Bruchs „Wellensteinsabend“ und lebt heute noch 
im Volksmunde. 
Es sollte aber nicht allein Wellensteins Abend 
sein, es war auch Wellensteins Untergang. Die Waaren— 
vorräthe, welche sich in den unteren Raumlichkeiten des 
Hauses befunden hatten, waren fast alle durchnäßt, mit 
Schlamm bedeckt und verdorben. Wellensteins Frau war 
n Folge der ausgestandenen Angst und des Schreckens von 
enem verhängnißvollen Abende an krank geworden. So 
kam Eins zu dem Andern. Das Geschäft gerieth in Stock— 
uing. Die Kinder wurden krank und starben sogar zum 
Theil. Bald kamen auch die Jahre der Theuerung mit 
aller erdenklichen Noth. Die Brode wurden so klein ge— 
backen und dazu für so einen hohen Preis, daß einem armen 
Familienvater die Haare sich aufrecht stellten, wenn er eins 
Sllte aufschneiden. Es dauerte nicht lange, so kamen die 
„Stahlenreiter“, nach Eifeler Mundart gesagt, aber im ge— 
wöhnlichen Leben Geschäftsreisende genannt. Sie erklärten 
dem Wellenstein, daß sie sich genöthigt sähen, der Sachlage 
eine andere Wendung zu geben, d. h. mit andern Worten, 
sofort baar Geld zu verlangen. Aber woher nun Geld 
nehmen? Auf dem Hause lastete schon eine Hypothek. Die 
(Fortsetzung.) 
Indessen das friedliche Glück Wellensteins sollte nicht 
von langer Dauer sein. Das Frühjahr 1848 war heran— 
gekommen und mit ihm ein plötzlicher Witterungswechsel, 
der alle Flüsse mächtig anschwellen ließ, so daß manches Haus 
an deren Ufern unter Wasser gesetzt wurde. Am Schlimm— 
sten war aber die Nacht vom 16. auf den 17. Februar 
in welcher das Grundeis zu treiben anfing. Im Dorfe 
Bruch glaubte man, unbesorgt sein zu dürfen. Da 
der Salmfluß noch nie einen bedeutenden Schaden verur— 
sacht hatte, so legte man sich auch an dem erwähnten Abend 
zur Ruhe, ohne die geringste Gefahr zu befürchten. In— 
dessen die Nacht sollte eine der schrecklichsten werden. 
Wellenstein lag längst in süußem Schlummer, als mit einem 
Male sein Haus, das hart am Ufer des Salmflusses stand, 
einen so gewaltigen Stoß bekam, daß es in den Grund— 
festen erbebte. Wellenstein, aus dem Schlafe aufgerüttelt, 
glaubte Anfangs, nur geträumt zu haben, aber ein bald
	        
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