Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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Deutsche Erwerbs- und Wirthschafts⸗ 
genossenschaften. 
Die Zahl der nach den Grundsätzen von Schulze— 
Delitzsch gebildeten deutschen Erwerbs- und Wirthschafts— 
genossenschaften betrug 
im Jahre 1871 — 3220 
1872 — 38600 
und gegenwärtig 3700 -8800 
Von den im Jahre 1872 vorhandenen 8600 Vereinen 
ommen auf: 
Creditgenossenschaften (Vorschußvereine, Volks— 
banken u. dgl)........ 
Genossenschaften in einzelnen Gewerbszweigen 
Rohstoff⸗, Werk⸗, Magazin-⸗, Produktiv⸗Ge⸗ 
nossenschaften) . 
Consumvereine. .- 
Baugenossenschaften 
440 
902 
37 
zusammen 8600. 
Die Zahl sämmtlicher an den Vereinen betheiligten 
Genossenschafter muß auf mehr als 1,200,000, die Ge— 
sammtsumme der von allen Vereinen gemachten Geschäfte 
auf mindestens 620-6830 Millionen Thlr. geschätzt werden. 
Hierbei sind allein die von den Vorschußvereinen ꝛc. ge⸗ 
währten Baar-Credite auf 600—610 Millionen, das von 
ihnen aufgesammelte eigene Kapital auf 88—85 Millionen, 
die ihnen anvertrauten fremden Gelder auf etwa 100 Mil— 
lionen Thlr. anzuschlagen. 
Besonders bei den Produktipgenossenschaften ist ein 
erfreulicher Aufschwung wahrzunehmen. So belief sich bei 
17 solcher noch ganz junger Vereine in 1872 der Rein— 
gewinn im Durchschnitt für jeden Genossenschafter auf 4515 
Thlr. Der Genoössenschaftsantheil eines jeden dieser Ge⸗ 
nossen betrug ebenfalls im Durchschnitt 9326 Thlr., bei der 
ältesten, seit 1805 bestehenden Genossenschaft der Uhrmacher 
von Freiburg in Schlefien aber sogar 1000 Thaler. — 
Wiederum der beste Beweis, wie durch eigenẽ Kraft 
und Selbsthilfe auf genossenschaftlichen Wege dem 
tüchtigen Arbeiter das Emporkommen leicht möglich wird. 
Sittlich verkommene Menschen freilich, wie sich deren in 
allen Klassen der Bevölkerung finden, kommen nie vorwärts, 
auch nicht mit fremder Hilfe. Wer sich selbst aufgibt, sich selbst 
nicht helfen will und zu diesem Zwecke nur fremde Unter 
stützung beansprucht, dem ist überhaupt nicht zu helfen. 
Ein Bergmannsfest auf Zeche Erin bei Kastrop 
in Westphalen. 
Am 7. Oktober Nachmittags fand auf der Zeche „Erin“ 
eine Feier Statt, welche werth ist, in weitern Kreisen be— 
kannt zu werden. Wie seiner Zeit auch im Bergmanns⸗ 
freund (Nr. 18, 19 und 20 diefes Jahrganges) ausführlich 
berichtet wurde, hatten sowohl am 24. Ottobet v. J., wie 
auch am 4. Februar d. J. schlagende Wetter in einem 
Schachte der Zeche Erin“ mehrere Bergleute getödtet, an— 
dere verwundel. Die letztern schwebten in großer Lebens— 
gefahr und würden un weifelhaft einem voraussichtlichen 
schrecklichen Tode verfallen sein, wenn nicht die opfermuthige 
Ausdauer mehrere Kameraden sie gerettet hätte.“ Se Ma 
jestät der Kaiser hat diesen Lebensrettern die Verdienstme— 
daille verliehen, und die feierliche Ueberreichung erfolgte am 
7. d. M. Nachmittags 1 Uhr vor der gesammten Beleg⸗ 
schaft durch Herrn Oberbergrach v Roͤune aus Dou— 
mund, und wohnten derselben Herr Geh. Bergrath Küper, 
Herr Bergrath v. Renesse, die städuschen Behoörden die 
Beistlichkeit und viele angesehene Bürger von Kastrop und 
der Umgegend bei. Auf dem Hofe der Zeche „Erin“ war 
eine mit Laubwerk und Blumen verzierte Tribüne errichtet, 
um welche sich die Belegschaft der Zeche, welcher zur Feier 
des Tags ein Geschenk hou je 10 Sgr. pr. Mann ausge— 
zahlt worden war, mit ihren Beamten und den zahlreich er— 
schienenen Gästen schaarte. Nachdem die Giesenkirchen'sche 
Kapelle von Dortmund durch ein ernstes Musikstuͤck die 
Feier eingeleitet hatte, nahm Herr Oberbergrath v. Rönne 
das Wort und erörterte in eingehender Weise die Veran— 
lassung der Feier. — Vor Jahresfrist habe die Zeche „Erin“ 
ein schweres Unglück getroffen. Die Zahl der Todten wäre 
sicherlich größer gewesen, wenn sich nicht opfermuthige Ka— 
meraden gefunden hätten, die in edelmüthigster Lebensver— 
achtuug den Verunglückten die rettende Hülse brachten. Un— 
ter diesen wackeren Mäunnern habe sich ganz besonders 
Herr Betriebsführer Kollmann ausgezeichnet, unter den 
Bergleuten Theod. Kohlpot; beiden habe unser allverehrter 
Kaiser in Anerkennung ihrer großen edelmüthigen Thaten 
die Rettungsmedaille am Bande verliehen; einem andern 
Bergmann, Anton Grote, die Verdiensimedaille, weil sich 
derselbe bei dem zweiten Unglücksfall aufs Vortheilhafteste 
ausgezeichnet. — Redner schloß mit einem Hoch auͤf Se. 
Majestät den Deutschen Kaiser, in welches die Versammlung 
jubelnd einstimmte. — Hierauf hielt Herr Bergrath v. Re— 
nesse eine Ansprache, indem er auf die Tüchügkeit der Be— 
legschaft hinwies, die gewiß in ähnlicher Lage ebenso todes— 
muthig sein werde, wie die Dekorirten. — Herr Kollmann 
dankte im Namen seiner Kameradeu für die ihnen bewiesene 
Auszeichnung. 
Herr Präsident Mulvany hatte eine große Anzahl 
Bäste zu einem Festmahl eingeladen, bei welchemdie 
Dekorirten den Ehrenplatz einnahmen. Daß bei dieser Ge— 
egenheit gar mancher Trinkspruch gesprochen wurde, ver— 
steht sich von selbst. Dem Festmahl folgte ein solenner Ball, 
wozu Herr Mulvany noch besondere Einladuugen hatte er— 
zehen lassen und der bis spät eine große Anzähl Festtheil— 
nehmer vergnügt beisammen hielt. 
Nach der Essener Zeitung.) 
Arnold Wellenstein wird Bergmann. 
Eine wahrheitsgetreue Erzählung aus der jüngsten Vergangenheit. 
Von Nik. Plein, Bergmann zu Friedrichsthal. 
Wer hat nicht von jenen traurigen Tagen oft erzählen 
hören — oder erinnert sich vielleicht auch noch selbst daran 
—, als unser deutsches Vaterland von fremden Krieger⸗ 
horden durchzogen, geplündert und beraubt wurde! Am 
Meisten geguält war damals der Landmann; der konnte 
nicht am Morgen sagen, ob er Abends noch im Besitze 
seines Eigenthums sein werde. Manche deutsche Wirthin 
oder Hausmutter bekam anstatt der Bezahluug für die ihr 
genommenen Sachen nur derbe Säbelhiebe, und manches 
deutsche Mädchen wurde geschändet auf die roheste Art. 
Die Alles verheerenden und zerstörenden Kriegsschaaren 
waren hauptsächlich Franzosen. Schon unter ihren Koͤnigen 
fielen sie wiederholt in Deutschland ein, dann zur Zeit ihrer 
Republik und unter ihrem ersten Kaiser Napoleon. In der 
üngsten Zeit hat es in gleicher Weise Napoleon II. noch- 
mals versuchen wollen, aber schon an den deutschen Grenzen 
wurde ihm ein donnerndes Halt zugerufen; immerhin konnte 
es damals zweifelhaft sein, wer den Sieg davon tragen 
würde, die deutsche oder die französifche Ration, aber das 
deutsche Volk unter seinem Heldenkaiser Wilhelm hat rasch 
und bündig die Frage gelöst.
	        
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