Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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verdoppelt, das Krankengeld auf 1223 Sgr. pro Schicht 
erhöht worden. 
Neben dem allgemeinen Knappschaftsvereine besteht ein 
für die Gruben der Vereinigungs-Gesellschaft gebildeter 
kameradschaftlicher Verein, welcher vorzugsweise die Unter⸗ 
stützung der Bergleute in Fällen längerer Krankheit und 
besonderen unverschuldeten Unglücks bezweckt, daneben aber 
zur Förderung des kameradschaftlichen Sinnes Einrichtungen 
der verschiedensten Art ins Leben gerufen hat. Derselbe 
unterhält unter Anderm 2 Musikcorps, die ganz aus Berg— 
leuten bestehen und bei Begräbnissen sowohl als bei sonstigen 
Feierlichkeiten mitwirken; er versammelt die Bergleute von 
Zeit zu Zeit zu gemeinsamen Festen, und hat endlich Kinder⸗ 
gärten und Industrieschulen zur Ausbildung der Mädchen 
in Handarbeiten in's Leben gerufen. 
Die Mittel des Vereins werden durch freiwillige Bei— 
träge der Arbeiter und Beamten beschaffi, zu denen die 
Gesellschaft den gleichen Betrag zuschießt, wie ihn alle Ar 
beiter und Beamten zusammen aufbringen. — Die Ver 
waltung und insbesondere die Bewilligung aller Unter— 
stützungen erfolgt durch einen Ausschuß, bestehend zur Hälfte 
aus Grubenbeamten, zur Hälfte aus den Vertrauensmäunern 
der Arbeiter, die jährlich neu gewählt werden in dem Ver⸗ 
hältniß von 1 Vertraueusmann auf 200 Arbeiter. 
Die Kasse besteht fast seit drei Jahren, sie ist während 
des jüngsten Krieges entstanden und fließen die Beiträge 
sehr regelmäßig. Letztere sind jetzt auf 2 Pfg. pro Thaler 
Verdienst festgesetzt und betragen mit dem gewerkschaftlichen 
Beitrage zusammen etwa 450 Thaler mongdlich. 
Endlich sind noch vorhanden ein Consumverein und 
ein Spar- und Vorschußverein für die Beamten und Ar— 
beiter welche indessen ganz unabhängig von der Gesellschaft 
als eingetragene Genossenschaften befstehen. 
Der Zustand der Volksbildung in den euro⸗ 
pũischen Staaten. 
Auf der niedrigsten Stufe der Volksbildung steht Ruß— 
land, wo von tausend Bewohnern nur vier des Lesens und 
Schreibens kundig sind. In Polen find es etwan9 von 
100, welche sich der Kunst des Lesens und Schreibens er⸗ 
freuen. Mit Polen auf derselben Stufe stehen Rumänien 
Spanien, Portugal. Besser, aber nicht etwa gut, steht es 
mit der Volksbildung in JItalien, Griechenlaͤnd und Oe 
sterreich-Ungarn. In Italien können 74 unter 100, beson— 
ders im Süden, nicht lesen und schreiben. 
Oesterreich- Ungarn hat sehr verschiedene Bildungsver⸗ 
hältnisse in seinen einzelnen Ländern. Während in der 
Bukowina unter 100 Kindern nur 10, in dalmatien —13, in 
Galizien 16 und in Kroatien 20 die Schule besuchen, er— 
freuen sich in Tyrol fast sämmtliche Kinder, in Mähren 99, 
in Ober- und Niederösterreich 78 in Böhmen 96 und in 
Steiermark 80 Prozent des Volksschulunterrichtes. Im König⸗ 
reiche Ungarn geben Einige 24, Andere 61 Prozent der 
Schulpflichtigen als schulbesuchend an. Aus militärischen 
Berichten ergibt sich, daß innerhalb Oesterreich-⸗Ungarn im 
Jahre 1865 von den eingesftellten Rekruten in Kine nu 
312, in Dalmatien 1., im Galizien 424, in Siebenbürgen 
34, in Krogtien 18, in Mähren 4584, in Ungarn 2814, 
in Tyrol 362, in Böhmen 60, in Schlesien 6913 und 
in Niederösterreich 8824 Prozent lefen und schreiben konn— 
ten. In Galizien hat mehr als die Hälfte der Gemeinden 
keine Schulen; dafuͤr aber entfallen auf Galizien 28 Pro— 
zent der Verbrechen, 37 Prozent der Morde, 80 Prozent 
der Todesurtheile des ganzen Kaiserstaates. An der Volks— 
hbildung nimmt in Oesterreich größtentheils der deutsche 
Stamm Antheil. Die Deutschen in Oesterreich brauchen 
jährlich 851,000 Schulbücher, während die übrigen Nationen 
zusammen nur eine Million brauchen. 
In Großbritannien beträgt die Zahl der Nichtunter— 
richteten 80 Prozent. In Belgien sind mehr als die Hälfte 
der Bewohner des Lesens und Schreibens unkundig. In 
Frankreich schwankt die Zahl der Nichtunterrichteten zwischen 
30 und 75 Prozent. Am Schlechtesten steht es noch in den 
Departements Finistoͤre, Cotes du Nord (Bretagne) und 
Haute Vienne (Limousin). Nach dem glänzenden Erfolge 
der deutschen Waffen denkt man endlich auch in Frankreich 
an die Einführung des gesetzlichen Elementar⸗-Unterrichtes. 
Zu den Ländern mit gut unterrichteter Bevölkerung 
zehören die Schweiz, Deutschland, Holland, Dänemark, 
Schweden und Norwegen. Die Volksbildung ist in Deutsch— 
and ein wahres Gemeingut der Nation. Ueberall ist der 
Elementar-Unterricht geseßzlich vorgeschrieben und nur selten 
trifft man dort einen Nichtunterrichteten. Von den Rekru— 
ten der preußischen Prozinz Sachsen konnten nur 0,52 Pro—⸗ 
zent nicht lesen und schreiben; in der Provinz Rheinpreußen 
raf man 0,81 Prozent, in Schlesien 8 Prozent; in der 
Provinz Preußen 1894 Prozent und in Posen 1484 Pro— 
zent Nichtunterrichtete unter der Mannschaft. Im König— 
reich Sachsen besuchen von 100 Kindern 95 die Schule. 
Dort kommen auf eine Quadratmeile 8 Schulen, während 
man in Oesterreich auf demselben Raume durchschnitt— 
lich nur 8 rechnen kann. In Bayern zählt man 7 Prozent 
und in Holland 3 Prozent Nichtunterrichtete. Ebenso ist in 
der Schweiz und in Dänemark nur selten ein Nichtunter— 
richteter zu finden. 
In Schweden und Norwegen kommt auf 1000 Per— 
sonen nur eine, welche keinen Unterricht genossen hat. 
Ueberblickt man die Reihe der europäischen Staaten, 
so findet sich, daß die Länder mit Bevoͤlkerung deutscher 
Abstammung die günstigsten Bildungsverhältnisse zeigen. 
Schmerzlich aber muß es jeden Valksfreund berühren, wenn 
er aus diesen Angaben sieht, daß 54 der Bewohner Euro— 
pas ohne Unterricht verkümmern müssen. 
181 Erzählungen 
von Wilhelm Fischer. 
J. Uebelbelohnte Sparsamkeit. 
Im lieben bergischen Lande herrschte einst eine Theuer— 
ung, es muß in dem schlimmen Jahre 1817 gewesen sein. 
Aber zum Glück herrschte zugleich noch thätige Menschen— 
liebe dort, und das in guten Tagen vielleicht gedanken— 
los auswendig gelernte Schrüchlein: „Brich dem Hungrigen 
dein Brot!“ gewann jetzt plötzlich Gestalt und Leben“ Zu 
Elberfeld wurden Marken geprägt und an die Dürftigen 
vertheilt, die für jede derselben beim Bäcker einen Laib 
Brot erhielten; die Stadt oder fromme Wohlthäter lösten 
nachher die kupfernen Werthzeichen um schweres Geld wieder 
ein. Eine solche Marke hab' ich als Kind noch gesehen: 
sie trug die Umschrift: „Spar' in der Zeit, so hast du in 
der Noth“, und in der Mitte staud „Ein Brot“, was sich 
rrefflich darauf reimte und von mir auch zunächst als uͤn— 
nittelbare Beigabe auf „hast“ bezogen wurde. Der gute, 
n Erz geprägte Rath aber, verstärkt durch die einschlägigen 
Erzählungen und Berichte alter Leute, hat einen lebhaften 
und nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. 
Glaube also Niemand, daß ich gegen die Sparsamkeit 
reden wolle. Im Gegentheil, ich uͤbe sie selber aus, leider 
nolens volens. Ich empfehle sie nachdrücklich allen jungen
	        
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