Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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An schönen Tagen kann man von Morgens frühe bis Der heiß Ersehnte hat sich eingestellt. Bald ist auch ein 
spät in den Abend hinein Spaziergänger in ihm lustwan- vom Lampenschein matt erleuchtetes Plätzchen gefunden, 
deln sehen. In den Stunden von 1123 Uhr ergeht sich wo die Lippen der Liebe Ausdruck geben duͤrfen. Es stört 
in ihm namentlich die vornehme Damenwelt. In reicher, sie nicht, wenn auf der Bank, auf die sie sich geflüchtet, 
meist aber überspannter Toilette, mit einem gewaltigen soch ein zweites Pärchen Platz nimmt; wissen sie doch, 
Busch geborgter Haare auf dem Kopfe, schreiten sie, die daß dieses“mit sich selbst zu thun hat. 
Füßchen zierlich setzend, einher, jede vorübergehende Person Auch diese Verehrer des Thiergartens verschwinden, 
beobachtend und Vergleiche über das Aeußere derselben an- wenn der Abend weiter vorrückt. 
stellend, wobei meist das eigene Ich den Sieg davonträgt. Der Schleier der Nacht ist über den Thiergarten ge⸗ 
Nachdem eine solche Dame eine Stunde ungefähr sich mit breitet, die während des Tages so belebten Wege sind leer, 
Spazierengehen abgequält hat, sinkt sie in ihrer Wohnung es herrscht Ruhe im Walde. Nur vereinzelt zeigen sich 
erschöpft auf dem Sopha nieder; ihr Tagewerk ist voll— Menschen; die meisten aber von ihnen sind solche von zweifel⸗ 
bracht. Solche Frauen haben es gut, wird mancher der haftem Character. Die vom eingefleischten Berliner 
Leser und manche Leserin denken, es muß aber gesagt „Sonnenbrüder“ genannten, arbeitsscheuen, wohnungslosen 
werden, daß diese Salondamen sich meist nicht so gluͤcklich nännlichen Personen suchen im Thiergarten das Nacht⸗ 
und wohl fühlen, als man meinen sollte. Vies hat seine fuartier bei „Mutter Grünen“ auf, ein ihnen wohlbekanntes, 
einfache Begründung darin, daß sie ihre viele Zeit nicht cecht dunkeles Plätzchen, auf dem sie schon so oft nach 
wegzubringen wissen und sie somit große Langewelle haben; hrem schweren Tagewerk, dem Herumlungern auf den 
es bewahrheitet sich auch an ihnen das Wort, daß nur Ar— Straßen, geruht haben. Sie fürchten nicht, daß ihnen 
beit das Leben süß macht. während der Ruhe etwas werde geftohlen werden, davor 
Am Nachmittag, gegen 8 Uhr, zeigt sich im Thiergarten sind sie so sicher wie eine Kirchennaus. Nur eins vermag 
eine andere Welt. Jetzt sucht der Handwerker, deu Ar— sie in Schrecken zu setzen, die sogenannte Razzia, d. i. eine 
beiter mit Frau und Kindern den Erholungsort auf ; Leute, Jagd auf faule, verbrecherische, wohnungslofe Menschen, 
welche die ganze Woche hindurch emsig gearbeitet haben, die von der Polizei von Zeit zu Zeit in der Stille der 
sie fliehen am Sonntage die enge, im Keller oder 83 bis Nacht wohlvorbereitet angestellt wird, um verschiedene der 
¶Treppen hoch im Hof gelegene Wohnung und die staubigen dabei Eingefangenen als gefährliche Subjecte zu entlarven 
Straßen. Kostet hnen der Weg zum Thiergarten auch und an den Ort zu bringen, den sie ganz eben so genau 
eine halbe oder auch eine ganze Stunde Zeit, das scheuen kennen, wie ihr Ruhepläßchen im Walde. 
sie nicht, bietet doch der Thiergarten die einzige Gelegenheit, 
sich zu erholen, Gottes schöne Ratur bewunderu und genießen 
zu können. 
Nicht nur auf der Promenade für Fußgänger, auch 
auf den Fahr- und Reitwegen ist in den Nachmittags⸗ 
stunden reges Treiben. Glänzende Equipagen, deren Räder 
mit Gummi belegt sind, von prächtigen Rossen gezogen, 
kommen in schnellem Trabe, fast unhöcbar heran; dahinter 
eine weniger gut eingerichtete, meist von einem erbärm— 
lichen Klepper mühsam in Bewegung gesetzte Droschke. 
Während die erstere dieser Bewegungsmaschinen den vor— 
nehmen und reichen Geldmann in sich birgt, hat in dem 
zweiten wohl ein gut situirter Bürger mit seiner Familie Platz 
genommen, vielfach aber auch mehrere, gern zechende, über— 
müthige „Spring in die Welt“, welche erst am nächsten Tage 
Gewißheit darüber erlangen, daß sie ihrem Portemonaie einen 
größeren Gefallen gethan hätten, weun sie wie die Andern 
zu Fuß gegangen wären. 
Doch da fesselt den aufmerksamen Beobachter bereits 
ein anderes Bild. Ein sogenannter Sonntagsreiter naht. 
Die ganze Woche hindurch hat er auf dem Drehschemel im 
Comptoir gesessen, am Sonntag benutzt er ein lebendes 
Wesen als Sitz. Doch wir dürfen nicht fürchten, daß er 
von seinem hohen Sitz werde unsanft heruntergeschleudert 
werden, er haͤt sich ein sanftes, ruhiges Thierchen zwischen 
die Beine geklemmt, das Alles, nur nicht bas Traben, ver⸗ 
tragen kann. 
Der Abend ist hereingebrochen, die zahlreichen Spazier⸗ 
gänger sind verschwunden; jetzt köunen solche Liebhaber des 
Thiergartens erscheinen, die gern allein sind, unbeobachtet 
von den Augen der größeren Menge. Es kommt die 
Köchin, die Arbeiterin, die während der ganzen Woche kein 
anderes Grün vor die Augen bekommen haben, als das 
für die Suppe auf dem Markt gekaufte. Sie tröstet auf 
dem für Viele sehr weiten Wege zu ihrem Lieblings- 
plätzchen, die Hoffnung, da den zu finden, nach dem sich 
das liebende Herz sehnt. Und sie haben sich nicht getäuscht. 
Das kalte Herz. 
Fin Märchen von Wilhelm Hauff. 
(Fortsetzung.) 
Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbei— 
Angen, den reichen Peter Munk an der Erde liegen sahen. 
Sie wandten ihn hin und her, und suchten, ob noch Athem 
in ihm sei, aber lange war ihr Suchen vergebens. Endlich 
ging einer in das Haus und brachte Wasser herbei und ber 
sprengte ihn. Da hoͤlte Peter tief Athem, stöhnte und schlug 
die Augen auf, schaute lange um sich her und fragte dann 
nach Frau Lisbeth, aber keiner hatte sie gesehen. Er dankte 
den Männern für ihre Hilfe, schlich sich in sein Haus und 
suchte überall, aber Frau Lisbeth war weder im Keller noch 
auf dem Boden, und das was er für einen schrecklichen 
Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er“ nun so 
ganz allein war, da kamen ihm sonderbare Gedanken; er 
fürchtete sich vor Nichts, denn sein Herz war ja kalt; aber 
wenn er an den Tod seiner Frau daͤchte, kam ihm sein eig⸗ 
nes Hinscheiden in den Sinn, und wie belastel er dahin 
fahren werde, schwer belastet mit Thränen der Armen, mit 
tausend ihrer Flüche, die sein Herz nicht erweichen konnten, 
mit dem Jammer der Elenden, auf die er seine Hunde ge⸗ 
hetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung seiner Mutter, 
mit dem Blute der schönen guten Lisbeth; und konnte er 
doch nicht einmal dem alten Mann, ihrem Vater, Rechen⸗ 
schaft geben, wenn er käme und fragte: „Wo ist meine Toch⸗ 
ler, Dein Weib?“ Wie wollte er einem Andern Frage stehen, 
dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehören, und die 
Leben der Menschen? 
Es quälte ihn auch Nachts im Traume, und alle 
Augenblicke wachte er auf an einer süßen Stimme, die ihm zu⸗ 
rief: „Peter, schaff Dir ein wärmeres Herz!“ Und wenn 
er erwacht war, schloß er doch schnell wieder die Augen, 
denn der Stimme nach müßte es Frau Lisbeth sein,die
	        
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