Full text: Der Bergmannsfreund (3)

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Soll ich antworten? Spare bei Zeiten, ehe es zu 
spät kommt, ehe es auf die Neige geht mit Deinem Vor— 
rath und mit Deiner Kraft, Etwas zu erwerben! Spare in 
den Sommertagen für die Wintertage des Lebens! 
Jeder gesunde Mensch aber hat wenigstens einmal im Leben 
seine Sommer- und Erntezeit. In jungen Tagen baut man 
sich für das Alter die Hütte; wenn man „im Rohr sitzt, 
muß man die Pfeifen schneiden.“ 
„Sparen soll ich?“ sagt der Vierte, aber wozu? 
Kommt Zeit, kommt Rath!“ — Richtig; auch für Dich 
wird Rath werden, nämlich zum Bettelsack über den Nacken 
und zu einem Eckchen im Armenhause. Denn Herr 
Sparenichts und Herr Habenichts haben von Anbe— 
ginn unter ein em Dache gewohnt. 
„Sparen soll ich also? Aber wo es lassen?“ 
fragt Nachbar Rathlos. — Ist bei dir zu Stadt und Land 
keine Sparkasse und der Sparpfennig in Deinem eigenen 
Gewahrsam nicht sicher, so mache einen wohlhabenderen und 
rechtlichen Mann zu Deinem Einnehmer und bitte ihn da— 
bei — nicht aus Mißtrauen, sondern wegen Lebens und 
Sterbens — um zwei Zeilen Bescheinigung über geschehene 
Einzahlung. 
Aber noch Eins! Hat dir das Wörtlein: „Spare was, 
so hast Du was!“ das Sparen angerathen, so gerathe 
aber doch nicht auf's Geizen, sondern laß rechts den 
Geiz und links die Verschwendung liegen und gehe 
unbeirrt die edle Mittelstraße der Sparsamkeit. 
Sparen ist wohlgethan, aber nur ja nicht auf fremde 
Unkosten, oder auf dem unrechten Flecke, wie der Hamster, 
der Andern das Korn ausdrischt, um für sich einen Vor—⸗ 
rath zu sammeln; oder wie jener reiche Bauersmann, der 
Alles ersparen will und deßhalb behauptet, für Abgebrannte 
und Ueberschwemmte, für arme Wittwen und Waisen, für 
milde Stiftungen und christliche Vereine auch nicht einen 
Groschen übrig zu haben. 
Glücklicherweise hat es immer Meister im Sparen ge— 
geben, an denen man sich ein Beispiel nehmen kann. Nur 
von einigen will ich erzählen. 
hinstreckte? — Dein Herz, auch wieder Dein Herz, und weder 
Deine Augen, noch Deine Zunge, Deine Arme, noch Deine 
Beine, sondern Dein Herz; Du hast Dir es, wie man richtig 
sagt, zu sehr zu Herzen genommen.“ 
„Aber wie kann man sich denn angewöhnen, daß es nicht 
mehr so ist? Ich gebe mir jetzt alle Mühe es zu unter— 
drücken, und dennoch pocht mein Herz und thut mir wehe.“ 
„Du freilich,“ rief jener mit Lachen, ‚Du armer Schelm, 
kannst Nichts dagegen thun; aber gieb mir das kaum pochende 
Ding, und Du wirst sehen, wie gut Du es dann hast.“ 
„Euch, mein Herz?“ schrie Peter mit Entsetzen. „Da 
uüßte ich ja sterben auf der Stelle! Nimmermehr!“ 
Ja, wenn Dir einer Eurer Herrn Chirurgen das Herz 
aus dem Leib operiren wollte, da müßtest Du wohl sterben; 
hbei mir ist dies ein anderes Ding; doch komm herein und 
iberzenge Dich selbst.“ Er stand bei diesen Worten auf, 
zffnete eine Kammerthüre und führte Peter hinein. Sein 
Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle 
rat, aber er achtete es nicht, denn der Anblick, der sich ihm 
hot, war sonderbar und überraschend. Auf mehreren Ge— 
simsen von Holz standen Gläser mit durchsichtiger Flüssig— 
keit gefüllt, und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch 
wvaren an den Gläsern Zettel angeklebt und Namen darauf 
zeschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des 
Amtmanns in F. das Herz des dicken Ezechiel, das Herz 
des Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren 
sechs Herzen von Kornwucherern, acht von Werboffizieren, 
drei von Geldmäklern — kurz, es war eine Sammlung der 
angesehensten Herzen in der Umgegend von zwanzig Stun— 
den. 
„Schau!“ sprach Holländer Michel, „diese alle haben 
des Lebens Aengste und Sorgen weggeworfen; keines die— 
ser Herzen schlägt mehr ängstlich und besorgt, und ihre ehe— 
maligen Besitzer finden sich wohl dabei, daß sie den un— 
ruhigen Gast aus dem Hause haben.“ 
„Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?“ 
fragte Peter, den Dies alles. was er gesehen, beinahe schwin—⸗ 
deln machte. 
„Dies,“ antwortete Jener und reichte ihm aus einem 
Schubfach — ein steinernes Herz. 
„So?“ erwiderte er und konnte sich eines Schauers, 
der ihm über die Haut ging, nicht erwehren. „Ein Herz 
von Marmelstein? Aber, horch einmal, Herr Holländer 
Michel, das muß doch gar kalt sein in der Brust.“ 
„Freilich, aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn 
ein Herz warm sein? Im Winter nützt Dir die Wärme 
nichts, da hilft ein guter Kirschgeist mehr als ein warmes 
Herz, und im Sommer, wenn Alles schwül und heiß ist, — 
Du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz abkühlt. Und 
wie gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder thörichtes 
Mitleiden noch anderer Jammer pocht an solch ein Herz.“ 
„Und das ist alles, was Ihr mir geben könnet,“ fragte 
Peter unmuthig, „ich hoff' auf Geld, und Ihr wollet mir 
einen Stein geben!“ 
„Nu, ich denke an hunderttausend Gulden hättest Du 
fürs Erste genug. Wenn Du es geschickt umtreibst, kannst 
Du bald ein Millionär werden.“ 
„Hunderttausend?“ rief der arme Köhler freudig. „Nun 
so poche doch nicht so ungestüm in meiner Brust, wir wer— 
den bald fertig sein mit einander. Gut, Michel; gebt mir 
den Stein und das Geld, und die Unruh' könnt Ihr aus 
dem Gehäuse nehmen.“ 
„Ich dachte es doch, daß Du ein vernünftiger Bursche 
seiest,“ antwortete der Holländer Michel freundlich lächelnd: 
Das kalte Herz. 
Ein Märchen von Wilhelm Hauff. 
(Fortsetzung.) 
„Wenn Du im ganzen Körper Muth und Kraft, Etwas 
zu unternehmen, hattest, da konnten ein Paar Schläge des 
dummen Herzens Dich zittern machen; und dann die Kränk— 
ungen der Ehre, das Unglück, wozu soll sich ein vernünftiger 
Kerl um dergleichen bekümmern? Hast Du's so im Kopf 
empfunden, als Dich letzthin einer einen Betrüger und schlech— 
ten Kerl nannte? Hat es Dir im Magen wehe gethan, als 
der Amtmann kam, Dich aus dem Hause zu werfen? Was. 
sag' an, was hat Dir wehe gethan?“ 
„Mein Herz,“ sprach Peter, indem er die Hand auf 
die pochende Brust preßte; denn es war ihm, als ob sein 
Herz sich ängstlich hin und her wendete. 
„Du hast, nimm mir es nicht übel, Du hast viele hun— 
dert Gulden an schlechte Bettler und anderes Gesindel weg⸗ 
geworfen; was hat es Dich genützt? Sie haben Dir dafuͤr 
Segen und einen gesunden Leib gewünscht; ja bist Du deß— 
wegen gesünder geworden? Um die Hälfte des verschleuder— 
ten Geldes hättest Du einen Arzt gehalten. Segen, ja 
ein schöner Segen, wenn man ausgepfändet und ausge— 
stoßen wird! Und was war es, das Dich getrieben, in die 
Tasche zu fahren, so oft ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut
	        
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