Full text: Nach der Schicht (24)

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kam es leise von den fieberheißen Lippen. 
Reuig bekannte sie ihre Sünden dem Priester, 
der mit lauter, feierlicher Stimme das 
„Absolvo te!“ sprach und sich anschickte, ihr 
die letzte Wegzehrung zu reichen. 
Landolin gab mit dem Glöcklein ein Zeichen, 
worauf alle nachsprachen, was der Priester vor⸗ 
betete: „kece Agnus Dei, qui tollis 
peccata mundi: Domine non sum dignus.“ 
„Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele 
gesund“, flüsterte die Kranke, während eisige 
Schauer und gleich darauf Fieberglut ihren 
Körper schüttelten. Die Hände über dem Herzen 
gefaltet, die Seele voll Sehnsucht, empfing sie 
das Himmelsbrot im heiligen Mahle und der 
Herr hielt Einkehr in das Brautgemach ihrer 
Seele. 
Ein Freudenschimmer flog über ihr Gesicht: 
„Hosianna, mein König kommt zu mir!“ 
Die Seele spannte ihre Schwingen zum 
letzten Fluge, müde neigte sich das Haupt 
zur Brust. Da klang ein verzweifelter 
Schrei durch das lichterfüllte Gemach: 
Mutter — meine Mutter!“ Und mit einem 
Sprunge war Jolanda bei der Sterbenden, 
umschlang sie und küßte ihr Stirne, Wangen 
und Mund. „Ach, Mutter, süße Mutter, 
geht nicht von mir!“ 
Frau Gemma legte den Arm um sie and 
zämpfte die Tränen nieder. „Leb' wohl, 
Liebling, und sei gesegnet. Doch ich ver—⸗ 
misse einen —“ 
Ein zweiter lauter Schrei erklang: 
„Mutter!“ — und Pirmin heftete den vagen 
Blich auf die köniqliche Frau im hohen 
Stuhl ... 
Frau Gemmas Augen sahen den Krüppel, 
einst ihr Ebenbild und breitete ihm, durch— 
Jlüht von Mutterliebe, die Arme entgegen. 
„Pirmin, Du Armer, Du Lieber — komm 
in mein Herz!“ Pirmin schritt rasch auf 
seine Mutter zu und sank vor ihr auf die 
Knie. „Mutter, welch unermeßliches Glück, 
daß ich »Dich wiedersehe! ...“ 
Sie wollte sich zu ihm hinabbeugen und 
in die Brust ziehen, aber dieses heiße, stolze 
Herz hatte seine Kraft überschätzt; in roten 
Springwellen stürzte sich alles Blut auf 
dieses urme, wildhämmernde Herz, daß es 
unter dem übermächtigen Ansturm der 
Freude, der Sehnsucht und der Liebe brach. 
Mit einem leisen, dumpfen Wehelaut sank 
Frau Gemma, wie vom Blit getroffen, auf 
hren Thronsessel, die Hände fielen gleich 
weißen Tauben, mit geknickten Schwingen in 
hren Schoß, das schöne, »stolze Haupt neigte 
sich zur Brust, ein leises Zittern lief durch den 
Körper, vom Wirbel bis zur Zehe, das Herz 
stand still — Frau Gemma, die schöne Levan— 
iinerin mit dem heißen Herzen, war tot ... 
„Ruhe im Frieden!“ sprach der Pater und 
aniete nieder, um für die Tote zu beten. 
Landolin zog sich geräuschlos zurück. 
Beatrice aber rutschte auf den Knien zu ihrer 
Herrin hin, küßte ihre wachsbleichen Hände und 
legte sich wie ein Hündlein zu ihren Füßen 
nieder, während heiße Tränen ihr altes Run— 
zelgesicht überströmten. Jolanda und Pirmin 
knieten neben dem Priester nieder und beteten 
mit schluchzenden Stimmen für die Seele der 
Toten. 
Die Sonne sandte einen lslekfen Ruryurstrahf 
„Nach der Schicht“ 
urchs Jenster: er küßte die bleichen Lippen der 
Toten und erlosch. Die Seele flog himmel— 
värts und mit der Mutter floh der gute Geist 
»es Hauses ... 
Die Nacht kam. Dunkelheit umfing das 
tolze Haus, Trauer senkte sich in die Herzen 
er Kinder. Wenn eine Mutter scheiden geht, 
töhnen die Steine im Fundament und ächzen 
nie Sparren im Dach, die Schwalben im 
Ziebel stimmen ein Klagelied an und stoßen 
m Vorüberflug ängstlich an die Fenster der 
kotenkammer, die Kinder zittern vor Jammer 
nei der Leichenwacht und es weinen die Engel. 
7. Kapitel. 
.Sitechapfel und Bilsenkraut. 
Warum brennen die Lichter im Erkersaal?“ 
ragte Uli Varnbüler erzürnt, als er andern 
Taqs sein Haus betrat. 
ßon den Salzburger Feftspielen „Jedermann“. Hugo 
. Hoffmannsthal's Spiel vom Sterben des reichen 
Mannes. Blick über das Theater auf dem Domplatz 
während der Vorsftellung. 
Als er aber die Tür öffnete, prallte er mit 
inem Schrei zurück. Da saß Gemma im 
Zrautschmuck auf seinem Thronsessel — bleich 
ind stumm, die starren Augen drohend und 
nklagend auf ihn gerichtet. Ein Verwesungs— 
eruch ging von ihr aus und er erkannte voll 
zram und Entsetzen, daß der Tod in seinem 
zause Einkehr gehalten hatte. 
Vor dem Weibe, das er auf dem Gewissen 
atte, und vor der Majestät des Todes beugte 
zer harte, stolze, herrschsüchtige und herzlose 
Hewaltherr das Haupt; aber keine Träne fiel 
us seinen Augen, kein Gebet kam über seine 
»ippen. Hinter seiner hohen Stirne jagten 
ich schon wieder neue Gedanken, formten sich 
ühne Pläne. Einstmals hatte er die Tote 
zeißgeliebt; als ihre Schönheit schwand und 
hweres Siechtum sie ans Krankenlager fesselte, 
aßte er sie beinahe, weil er an die Tod— 
moihfte oeketftet war weil sie ihm ein Hemm— 
Heft 38/1928 
chuh war bei seinem kühnen Vorwärtsstürmen. 
Jetzt war er frei. Stolz warf er den Kopf 
urück und reckte die Arme. „Frei für die 
öchsten Ziele!“ jubelte er bei sich. „Nun will 
ch wieder freien! Hoch hinauf will ich meine 
zlicke lenken — und wär's zu einem Fürsten⸗ 
ron!“ 
Sein Knabe zupfte ihn an der Schaube. 
Bater, ich fürchte mich!“ 
„Schäme Dich,“ sagte er unwillig, „ein 
Varnbüler fürchtet sich nicht.“ 
„Aber wenn doch Müetti tot ist! ... Und 
Bea rührt sich auch nicht ... Ist sie auch tot?“ 
Ja, so war es. An der Leiche ihrer ver— 
zötterten Herrin, zu ihren Füßen, hatte der 
Tod die treue Magd ins Herz getroffen. 
In einem silberbeschlagenen Eichensarg wurde 
Frau Gemma zur letzten Ruhe gebettet; auf 
nesonderen Wunsch Varnbülers, der den Mön— 
hen des hl. Gallus nicht zu Dank verpflich⸗ 
tet sein wollte, nahm der Leutepfarrer von 
St. Laurenzen die Einsegnung und Be— 
jtattung der Leiche vor; er verlangte eine 
Hrabrede, die dem Range der Verstorbenen 
ind der Stellung ihres Gatten würdig war. 
So wurde Frau Gemma mit großem 
Prunk begraben und ihre Tugend und 
Frömmigkeit nach Verdienst gerühmt. 
barnbüler war befriedigt, bezahlte den 
Leutepfarrer fürstlich, gab ein üppiges 
deichenmahl und versprach, der Toten em 
Hrabmal zu setzen. 
Jolanda aber ließ all ihr Nadelgeld an 
die Armen der Stadt verteilen, mit der de— 
nütigen Bitte, für die Tote zu beten; 
denn dies hatten der Witwer und seine vor— 
rehmen Trauergäste über ihren stolzen Re— 
den und dem reichlichen Mahle vergessen. 
Kaum hatte sich das Grab über der Toten 
geschlossen, so schwirrten auch schon Gerüchte 
durch die Stadt, Irau Gemma sei keines 
natürlichen Todes gestorben, sondern mit 
Gewalt aus der Welt geschafft worden ... 
„Vergiftung! ... Mord!“ ging es flüsternd 
„on Mund zu Mund. Wer hatte als erster 
)»as böse Wort gesprochen? ... Wer trug 
's gleich vergifteten Pfeilen durch Straßen 
und Gassen, in Häuser und Herzen? ... 
Es wächst draußen im Felde eine Blume, 
die heißt Löwenzahn. Auf schlankem 
Stengel schaukelt sich eine goldgelbe Blüte, 
aus der die Biene bittern Honig saugen. 
zst die Blume verblüht, so bildet sich aus spinn⸗ 
hebzarten Jächen eine kugelförmige FJeder— 
rone, die der Volksmund „Lichtlein“ oder 
Kerzen“ heißt. Die Kinder blasen diese „Licht 
ein“ aus — manchmal tut's auch der Wind! 
— Dann fliegen die hundert feinen Federchen 
iach allen Seiten in alle Welt hinaus, tanzen 
iuf und nieder und fallen endlich irgendwo 
ur Erde, bohren sich in sie hinein und gebären 
urch ihre Samenkörnchen neue Pflanzen, säen 
inkraut, wo sie niedergehen. 
Solch fliegendem Unkrautsamen gleicht die 
zerleumdung; niemand weiß, wo sie geboren 
ourde, keiner sah, wer sie in die Welt und 
n alle Winde hinausgeblasen hatte, aber sie ist 
a, nistet sich in die Herzen ein, erhebt frech 
»as Haupt, an hundert Stellen zugleich, und 
elbst der stärkste Ritter ist nicht imstande, 
dieser Hydra den Kopf abzuschlagen. Sie ver— 
chlinat ihr Opfer mie »in geiferndoer Hrache
	        
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