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kam es leise von den fieberheißen Lippen.
Reuig bekannte sie ihre Sünden dem Priester,
der mit lauter, feierlicher Stimme das
„Absolvo te!“ sprach und sich anschickte, ihr
die letzte Wegzehrung zu reichen.
Landolin gab mit dem Glöcklein ein Zeichen,
worauf alle nachsprachen, was der Priester vor⸗
betete: „kece Agnus Dei, qui tollis
peccata mundi: Domine non sum dignus.“
„Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele
gesund“, flüsterte die Kranke, während eisige
Schauer und gleich darauf Fieberglut ihren
Körper schüttelten. Die Hände über dem Herzen
gefaltet, die Seele voll Sehnsucht, empfing sie
das Himmelsbrot im heiligen Mahle und der
Herr hielt Einkehr in das Brautgemach ihrer
Seele.
Ein Freudenschimmer flog über ihr Gesicht:
„Hosianna, mein König kommt zu mir!“
Die Seele spannte ihre Schwingen zum
letzten Fluge, müde neigte sich das Haupt
zur Brust. Da klang ein verzweifelter
Schrei durch das lichterfüllte Gemach:
Mutter — meine Mutter!“ Und mit einem
Sprunge war Jolanda bei der Sterbenden,
umschlang sie und küßte ihr Stirne, Wangen
und Mund. „Ach, Mutter, süße Mutter,
geht nicht von mir!“
Frau Gemma legte den Arm um sie and
zämpfte die Tränen nieder. „Leb' wohl,
Liebling, und sei gesegnet. Doch ich ver—⸗
misse einen —“
Ein zweiter lauter Schrei erklang:
„Mutter!“ — und Pirmin heftete den vagen
Blich auf die köniqliche Frau im hohen
Stuhl ...
Frau Gemmas Augen sahen den Krüppel,
einst ihr Ebenbild und breitete ihm, durch—
Jlüht von Mutterliebe, die Arme entgegen.
„Pirmin, Du Armer, Du Lieber — komm
in mein Herz!“ Pirmin schritt rasch auf
seine Mutter zu und sank vor ihr auf die
Knie. „Mutter, welch unermeßliches Glück,
daß ich »Dich wiedersehe! ...“
Sie wollte sich zu ihm hinabbeugen und
in die Brust ziehen, aber dieses heiße, stolze
Herz hatte seine Kraft überschätzt; in roten
Springwellen stürzte sich alles Blut auf
dieses urme, wildhämmernde Herz, daß es
unter dem übermächtigen Ansturm der
Freude, der Sehnsucht und der Liebe brach.
Mit einem leisen, dumpfen Wehelaut sank
Frau Gemma, wie vom Blit getroffen, auf
hren Thronsessel, die Hände fielen gleich
weißen Tauben, mit geknickten Schwingen in
hren Schoß, das schöne, »stolze Haupt neigte
sich zur Brust, ein leises Zittern lief durch den
Körper, vom Wirbel bis zur Zehe, das Herz
stand still — Frau Gemma, die schöne Levan—
iinerin mit dem heißen Herzen, war tot ...
„Ruhe im Frieden!“ sprach der Pater und
aniete nieder, um für die Tote zu beten.
Landolin zog sich geräuschlos zurück.
Beatrice aber rutschte auf den Knien zu ihrer
Herrin hin, küßte ihre wachsbleichen Hände und
legte sich wie ein Hündlein zu ihren Füßen
nieder, während heiße Tränen ihr altes Run—
zelgesicht überströmten. Jolanda und Pirmin
knieten neben dem Priester nieder und beteten
mit schluchzenden Stimmen für die Seele der
Toten.
Die Sonne sandte einen lslekfen Ruryurstrahf
„Nach der Schicht“
urchs Jenster: er küßte die bleichen Lippen der
Toten und erlosch. Die Seele flog himmel—
värts und mit der Mutter floh der gute Geist
»es Hauses ...
Die Nacht kam. Dunkelheit umfing das
tolze Haus, Trauer senkte sich in die Herzen
er Kinder. Wenn eine Mutter scheiden geht,
töhnen die Steine im Fundament und ächzen
nie Sparren im Dach, die Schwalben im
Ziebel stimmen ein Klagelied an und stoßen
m Vorüberflug ängstlich an die Fenster der
kotenkammer, die Kinder zittern vor Jammer
nei der Leichenwacht und es weinen die Engel.
7. Kapitel.
.Sitechapfel und Bilsenkraut.
Warum brennen die Lichter im Erkersaal?“
ragte Uli Varnbüler erzürnt, als er andern
Taqs sein Haus betrat.
ßon den Salzburger Feftspielen „Jedermann“. Hugo
. Hoffmannsthal's Spiel vom Sterben des reichen
Mannes. Blick über das Theater auf dem Domplatz
während der Vorsftellung.
Als er aber die Tür öffnete, prallte er mit
inem Schrei zurück. Da saß Gemma im
Zrautschmuck auf seinem Thronsessel — bleich
ind stumm, die starren Augen drohend und
nklagend auf ihn gerichtet. Ein Verwesungs—
eruch ging von ihr aus und er erkannte voll
zram und Entsetzen, daß der Tod in seinem
zause Einkehr gehalten hatte.
Vor dem Weibe, das er auf dem Gewissen
atte, und vor der Majestät des Todes beugte
zer harte, stolze, herrschsüchtige und herzlose
Hewaltherr das Haupt; aber keine Träne fiel
us seinen Augen, kein Gebet kam über seine
»ippen. Hinter seiner hohen Stirne jagten
ich schon wieder neue Gedanken, formten sich
ühne Pläne. Einstmals hatte er die Tote
zeißgeliebt; als ihre Schönheit schwand und
hweres Siechtum sie ans Krankenlager fesselte,
aßte er sie beinahe, weil er an die Tod—
moihfte oeketftet war weil sie ihm ein Hemm—
Heft 38/1928
chuh war bei seinem kühnen Vorwärtsstürmen.
Jetzt war er frei. Stolz warf er den Kopf
urück und reckte die Arme. „Frei für die
öchsten Ziele!“ jubelte er bei sich. „Nun will
ch wieder freien! Hoch hinauf will ich meine
zlicke lenken — und wär's zu einem Fürsten⸗
ron!“
Sein Knabe zupfte ihn an der Schaube.
Bater, ich fürchte mich!“
„Schäme Dich,“ sagte er unwillig, „ein
Varnbüler fürchtet sich nicht.“
„Aber wenn doch Müetti tot ist! ... Und
Bea rührt sich auch nicht ... Ist sie auch tot?“
Ja, so war es. An der Leiche ihrer ver—
zötterten Herrin, zu ihren Füßen, hatte der
Tod die treue Magd ins Herz getroffen.
In einem silberbeschlagenen Eichensarg wurde
Frau Gemma zur letzten Ruhe gebettet; auf
nesonderen Wunsch Varnbülers, der den Mön—
hen des hl. Gallus nicht zu Dank verpflich⸗
tet sein wollte, nahm der Leutepfarrer von
St. Laurenzen die Einsegnung und Be—
jtattung der Leiche vor; er verlangte eine
Hrabrede, die dem Range der Verstorbenen
ind der Stellung ihres Gatten würdig war.
So wurde Frau Gemma mit großem
Prunk begraben und ihre Tugend und
Frömmigkeit nach Verdienst gerühmt.
barnbüler war befriedigt, bezahlte den
Leutepfarrer fürstlich, gab ein üppiges
deichenmahl und versprach, der Toten em
Hrabmal zu setzen.
Jolanda aber ließ all ihr Nadelgeld an
die Armen der Stadt verteilen, mit der de—
nütigen Bitte, für die Tote zu beten;
denn dies hatten der Witwer und seine vor—
rehmen Trauergäste über ihren stolzen Re—
den und dem reichlichen Mahle vergessen.
Kaum hatte sich das Grab über der Toten
geschlossen, so schwirrten auch schon Gerüchte
durch die Stadt, Irau Gemma sei keines
natürlichen Todes gestorben, sondern mit
Gewalt aus der Welt geschafft worden ...
„Vergiftung! ... Mord!“ ging es flüsternd
„on Mund zu Mund. Wer hatte als erster
)»as böse Wort gesprochen? ... Wer trug
's gleich vergifteten Pfeilen durch Straßen
und Gassen, in Häuser und Herzen? ...
Es wächst draußen im Felde eine Blume,
die heißt Löwenzahn. Auf schlankem
Stengel schaukelt sich eine goldgelbe Blüte,
aus der die Biene bittern Honig saugen.
zst die Blume verblüht, so bildet sich aus spinn⸗
hebzarten Jächen eine kugelförmige FJeder—
rone, die der Volksmund „Lichtlein“ oder
Kerzen“ heißt. Die Kinder blasen diese „Licht
ein“ aus — manchmal tut's auch der Wind!
— Dann fliegen die hundert feinen Federchen
iach allen Seiten in alle Welt hinaus, tanzen
iuf und nieder und fallen endlich irgendwo
ur Erde, bohren sich in sie hinein und gebären
urch ihre Samenkörnchen neue Pflanzen, säen
inkraut, wo sie niedergehen.
Solch fliegendem Unkrautsamen gleicht die
zerleumdung; niemand weiß, wo sie geboren
ourde, keiner sah, wer sie in die Welt und
n alle Winde hinausgeblasen hatte, aber sie ist
a, nistet sich in die Herzen ein, erhebt frech
»as Haupt, an hundert Stellen zugleich, und
elbst der stärkste Ritter ist nicht imstande,
dieser Hydra den Kopf abzuschlagen. Sie ver—
chlinat ihr Opfer mie »in geiferndoer Hrache