Full text: Der Saarbergknappe (7 [1926])

UNummer1 
Saarbrücken, den 2. Januar 1925 
7. Jahrgang 
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Organ des Gewerkvereins christl. Bergarbeiter Deutschlands für das Saargebiet 
ãcheint jeden Samstas iut die Mitslieder atatis. 7Für wirtschaftliche u. geistige Hebun a Geschäftsstelle des „Saar-⸗Bergknappen“: Saarbrücken 2 
ün eeen —5 des Bergarbeiterstandes S Idenee ieed r an 
Jedes wahlberechtigte Mitglied muß am 10. Januar sein Wahlrecht ausüben. 
Wahlrecht ist Wahlpflicht! 
Die wahlberechtigten Mitglieder des Gewerkvereins dürfen am 10. Januar ihre Stimmen 
nur Kandidaten des Gewerkvereins geben! 
Kameraden: Denkt an den Wahlspruch: „Einer für alle — alle für einen“. Handelt 
nach ihm, der Erfolg wird ein guter sein! 
Zum neuen Jahr 
Taum sinkt so müd an seinem Stab 
das alte Jahr hinab ins Grab, 
da tritt aus dunkler Zukunft Tor 
Ein neues kecken Muts hervor. 
Es neigt der Welt sich freundlich zu, 
Und alles ruft: Willkommen du!“ 
kin Graubart aber nörgelnd spricht: 
„Das alte Jahr gefiel uns nicht! 
Es brachte Rühe nur und Last, 
Erdrückte uns in Sorgen fast, 
Drum ist der Wunsch wohl allgemein, 
du möchteit etwas besser sein.“ 
Ich bin,“ das neue Jahr beginnt, 
„Euch herzlich gut und wie ein Kind. 
doch werd ich, was ihr aus mir macht 
drum habt auf meine Worte acht, 
damit nicht einer, wenn ich geh. 
In mir den Uebeltäter sek. 
Von Kälte macht die Bahn mir frei, 
In Liebe geht durch meinen Mai, 
ßemeinsam tragt des Sommers Glut. 
Und teilt im Herbst die Gaben gut. 
Wenn so ihr macht, ganz sicherlich 
Betlaagt sich keiner üher ich“ 
das Jahr spricht's aus. Still ist's im Kreis. 
Der Habsucht wird der Grund zu heiß, 
Ein Prasser schlägt an seine Brust, 
Den Haß durchglüht's wie Liebeslust, 
Und rings erschallt's in weiter Schar: 
.Sei uns willkommen. neues Jahr!“ 
QGesiino 
— 
Zum Jahresanfang 
Am Jahresschluß ließen wir unsern Blick ruckwärts 
chweifen, um zu erkennen, was wir in der Zukunft 
desonders beachten müssen. Der Rücklick zeigte uns, 
daß das alte Jahr für uns ein ausgesprochenes 
Kampfjahr war. Er zeigte uns weiter, daß der Berg— 
»au von einer unheilvollen Krise bedroht ist. Auch 
ieß er uns erkennen, daß die Menschen immer mehr 
inem herzlosen mäterialiftischen Geiste verfallen. 
Aber auch das ließ uns der Rückblick erkennen, daß 
aur dank des treuen gewerkschaftlichen Zusammen— 
haltens unserer Mitglieder die Rot für uns nicht noch 
zrößer wurde, die Folgen der Bergbaukrise eine Mil— 
erung erfuhren und der Materialismus der andern 
zicht zu üppig ins Kraut schoß. Das sind tröstliche 
Homente in dem Grau unserer Tage, die unsere Zuͤ— 
funftshoffnungen neu beleben und die Kraft in uns 
erhalten und nähren müssen, auch im neuen Jahre 
»urch gewerkschaftliche Treue der Rot zu Leibe zu 
zücken und den materialistischen Geist zu bekämpfen. 
Der neue Jahresanfang steht schon wieder im Zei⸗ 
ben einer Lohnbewegung. Schon Wochen hindurch 
führen die Organisationen mit der Bergwerksdirek⸗ 
ion einen zähen Kampf um ausreichende Lohnauf— 
zesserung. Mit derBergwerksdirektion war zu keinem 
Ergebnis zu kommen. So hatte denn wieder die franz. 
Regierung zu entscheiden. Und sie entschied am 19. De— 
zember. Dio Grundlöhne ioften ab j Tannar n 
eine Aufbesserung um 15 Prozent erfahren. Niemand gegenüber wirtschaftlich Schwachen. Der Materialis— 
wird behaupten wollen, daß diese Lohnaufbesserung müßs verherrlicht die Gewalt, die niemals Besseres 
ausreichte, um den Bergleuten und ihren Familien schaffen, sondern immer Unheil stiften wird. Jammer 
ein sorgenfreies Leben zu sichern. Die Sorge wird greift einem ans Herz, wenn man sehen muß, wie 
weiter Hausgenossin der Bergleute bleiben. Aber das aͤuch weiteste Arbeiterschichten dem Materialismus 
dürfen wir nicht vergessen, daß es ohne straffe ge- verfallen sind, mit reiner Gewaltanwendung zu einem 
werkschaftliche Organisierunge der Saarbergleüte besseren Lose kommen wollen, dabei aber nur zur Ver— 
überhaupt nmichts gegeben hätte. Die franzoͤsische schlimmerung ihres Loses beitragen und sich jeglichen 
Regierung hätte sich dann genau so zugeknöpft gezeigt nneren Friedens berauben. Wie mit Blindhet Ge— 
wie die lothringischen Bergbaugewaltigen, die troß schlagene wüten sie gegen die Kraft an, die allein 
guter Konjunktur ihren Bergleuten nichts bewillig- imstaͤnde ist, die bösen Zeitschäden zu heilen und ein 
ten. Wenn also trotz der währungs- und innenpoli- besseres Verhältnis unter den Menschen zu schaffen 
tischen Lage Frankreichs der französischen Regierung Diese Kraft ist das Christentum, dessen Grundsätze 
doch ein Lohnzugeständnis abgerungen wurde, dann unserer Bewegung zur Grundlage dienen, weil nur 
nur dank der straffen gewerkschaftlichen Organisierung durch christlichen Geist, den Geist der Liebe und des 
der Saarbergleute. Das zeigt uns den Weg, den wir Verstehens den arbeitenden Menschen Heil werden 
auch im neuen Jahre einhalten müssen. Augenblick- kann. Diese Erkenntnis muß in uns das Gefühl der 
liche Notverhältnisse dürfen für uns nicht der Grad Sicherheit schaffen, daß wir auf der richtigen Bahn 
nesser sein für die Rützlichkeit des gewerkschaftlichen uns befinden, daß, wir in Wahrheit die Streiter für 
Zusammenschlusses. Sie liegen oft in zeitlichen Ur- eine wirkliche Besserung des irdischen Loses der ar— 
achen begründet, die auch nicht durch die Anwendung beitenden Menschen find. Die Kraft muß uns aus 
des letzten Mittels aus der Welt geschafft werden dieser Erkenntnis werden, immerzu für die Ausbrei— 
sönnten. Wenn wir die Nützlichkeit des gewerkschaft. tung unserer Bewegung zu wirken Immer mehr 
ichen Zusammenschlusses richtig erkennen wollen Arbeitskameraden müssen der materialistischen Beein— 
»ann müssen wir weiter zurückblicken und Vergleiche flussung entrissen und dem christlichen Geiste gewon— 
wischen früher und heute ziehen. Wer das tut, wird nen werden. Solche Missionsarbeit ist notwendiger 
inden, daß wir arbeitenden Menschen dank der ge- als je und ihr wollen wir uns im neuen Jahre Mann 
verkschaftlichen Solidarkraft ein gutes Stück Weges für Mann widmen. Dann werden die Hetzereien der 
oran gekommen sind. Der wird sich von augenblick. Kommunisten und Sozigüsten, die wieder in wider— 
ichen Verhältnissen nicht niederdrücken und vor allem wärtigster Weise an die miedrigsien Instinkte apel— 
nicht des Glaubens berauben lassen, daß wir arbei lieren' und die armen Menschen mit verzehrendem 
enden Menschen nur durch zusammengefaßte gewerk- Klafsenhaß füllen, fruchtlos bleiben und die Arpeer 
chaftliche Kraft unsere Position behaupten und unsere schaft wird vor Schaden und bitteren Erfahrungen 
dage weiter verbessern können. Das am Jahresan, bewaährt. Mi Gott ins neue Jahr. das soll unser 
ang zu erkennen, soll Aufgabe unserer Aussührungen Maäbljpruch jein 
ein. Sie erfolgen nicht aus gewerkschaftsegoistischer 
Erwägungen, aus nacktem Verbandsmaterialismus 
seraus. Sie sind diktiert von der Sorge um unsere 
Standessache, von der Liebe zu unseren schwer ume⸗ 
Dasein ringenden Kameraden Sie sollen unsere Kame 
raden bewahren vor falschen Schritten und Schlußfol— 
jerungen; denn ließe man sich vom augenblickl. Niiß— 
nut bewegen, Wert und Rützlichkeit des gewerkschafti 
zusammenschlusses zu verneinen und entsprechend zu 
sandeln, dann brächen düstere Zeiten über unsere 
Zergarbeiterfamilien herein. Not und Kummer ver— 
nehrten sich, die Bergbaugewaltigen könnten nach 
einer Willkür schalten und walten und gar bald 
vären die Bergleute in ein wirkliches Sklavenjoch 
gespannt. Wer ein solches Los verhüten will, muf 
im Jahresanfang den festen unabänderlichen Ent— 
chluß fassen, dem Gewerkverein unentwegte Treue 
zu halten und an seiner weiteren Stärkung mit Liebe 
ind Ausdauer zu arbeiten 
Bei unserer Rückschau konnten wir auch feststellen, 
daß die heutige Not und das Mißverhältnis zwischen 
den einzelnen Volksschichten, wie auch zwischen den 
Bölkern, hauptsächlich dem materialistischen Geiste 
aufs Konto zu schreiben ist. Anstatt daß die Menschen 
aus dem Kriegs- und Nachkriegsgeschehen die richtigen 
rehren ziehen und vom Materialismus abrücken, ver— 
allen sie ihm immer mehr, weil sie den Glauben an 
Hott und eine ewige Gerechtigkeit über Bord gewor— 
en und nur mehr dem Diesseits leben. Die Folgen 
dieser Einstellung sind schlimmster Art. Sie zeigen 
ich in erbitterten Klassenkämpfen, in der bösen Zer— 
lüftung des Volkes auf wirtschaftlichem und politi 
hom Gebiete, in der bhrutalen Rüscsichfslosiofei— 
* * — 
DNie Lohnperhandlungen in Paris 
Für Samstag, den 19. Dezember, morgens 10 Uhr, 
waren Verhandlungen beim Arbeitsministerium in 
Paris angesetzt. Sechs Vertreter der Saarbelegschaf— 
ten waren zu diesem Zwecke nach Paris gefahren. Die 
Besprechungen im Ministerium wurden von Weinister 
de Monzie persönlich geleitet. Von der Bergwerks— 
direktion nahmen 4 Direktoren teil, ferner waren 
noch einige Witglieder des Verwaltungsrates der 
Saargruben anwesend, unter anderem auch Arthur 
Fontaine, der Präsident des Internationalen Ar— 
beitsamtes. Die Vertreter der Arbeiter legten noch— 
mals die Verhältnisse im Saargebiet klar und wiesen 
nach, daßß von Mai 1923 bis jetzt die Indexziffer im 
Saargebiet von 214 auf 407 gestiegen sei. Die Teuer— 
rung sei mithin um 90 Prozent gestiegen, indessen die 
Löhne nur um 26,9 Prozent in die Höhe gegangen 
seien. Eingehend wurde auch dargelegt, daß nach 
Holdlöhnen berechnet die Bergarbeiter bedeutend 
schlechter ständen wie früher. Eine wesentliche Er— 
höhung der Bergarbeiterlöhne sei unbedingt erfor— 
derlich. Die Verhältnisse im Saargebiet seien gan— 
andere wie im Innern Frankreichs. Infolgedessen 
müsse auch im Saargebiet etwas besonderes geschehen 
Der Minister erklärte, daß die besonderen Verhält- 
nisse im Saargebiet berücksichtigt werden sollten, je⸗ 
doch könne er unter keinen Umständen auf die Teuer— 
ungsziffern von früher eingehen. Die letzte Lohner— 
höhung sei im August 1925 erfolgt und die Teuerung 
sei seit diesem Manat um etwans Vrozent gestiede;
	        
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