1931
Menschen damals und wie sie gelebt haben, wird uns erzählen können
vom Sturmgeläut, das von jenen Türmen ertönt ist, von Kämpfen,
die drunten vor den Toren, auf jenen Höhen, um diese Stadt aus—
gefochten worden sind; er wird uns schildern können, welche Familien
in jenem Viertel gewohnt haben, welcher Rat der Stadt diesen
Durchbruch in die Peripherie durchgesetzt, welcher Baumeister
ienem säuserzug den charakteristischen Stempel aufgedrückt hat.
Der gefühlvolle Mensch, der es liebt, mit seiner Phantasie in
das Schicksal seiner Menschbrüder einzudringen, der es liebt, sich
vorzustellen, wie es sein könnte, der wird aber sicher denselben Ge—
nuß haben von einer Schau über Türme und Dächer wie der künst
lerisch oder der historisch eingestellte Mensch. Er wird sich liebe—
voll in den Anblick eines Giebels versenken, wird zu erraten suchen,
wer dort haust, welches Leben sich dort erfüllt, welches Geschick es
durchlaufen muß. Er wird sich vorstellen, wie das Zusammen—
leben in jenem Hause ist, wie Freundschaft oder Feindschaft dort
herrschen, welche Konflikte sich in dem Zusammensein eng neben—
einander wohnender Menschen
abspielen: diese Vorstellung wird
ihn leicht zu einer besinnlichen
Betrachtung über sein eigenes
Leben führen und ihm vielleicht
mehr oder minder gute Vorsätze
für das Durchschreiten seiner Tage
mit auf den Weg geben. Er kann
durch diese Schau ernst gestimmt
werden, aber auch heiter — ist
dort nicht an jenem Giebel ein
Schwalbennest, blühen dort nicht
an dem kleinen Fenster gut
gepflegte Blumen? Wer
mag sie wohl so treu behüten?
Was mag wohl auf dem Feuer zu—
bereitet werden. das seinen sonn—
Seite
Evangl. Kirchstraße mit der
alten evanal. Kirche
täglichen Rauch zu jenem Kamin
herauspustet? Ein fetter Braten,
das Huhn eines wohlhabenden
Bürgers oder das magere Essen
von Armen?
Wir wollen aufhören mit
diesen Betrachtungen; sie würden
ins Uferlose führen. Wir wollen
sie der Phantasie des einzelnen
überlassen. Die Bilder, die
dieser Artikel begleitet, bilden
eine Fundgrube für alle mög—
lichen Anregungen und Gedanken.
Die Leser des „Saarfreundes“,
die fern ihrer Heimat weilen,
werden es sicher mit Freude
und Dankbarkeit begrüßen, daß ihnen hier einmal unter der bewährten
Führung eines erprobten Kamerakünstlers Gelegenheit gegeben wird,
die Heimatstadt von einem Blickpunkt zu überschauen, den sie selbst wohl
selten oder auch nie eingenommen haben. Aus allen Bildern ist er—
sichtlich, welche Mühe, welche Liebe der Künstler aufgewandt hat,
um diesen oder jenen Ausschnitt auf die Platte zu bekommen.
Er muß richtig herumgekrochen und herumgeklettert sein, hat sicher
tagelang manchmal gebraucht, um die Bodenluke zu finden, von
der aus er sein Bild „schießen“ konnte. Insofern ist
diese Kunst auch eine im höchsten Sinne moralische, denn sie
bestätigt die alte Erfahrung, daß niemandem gebratene Tauben in
den Mund fliegen. Man darf sich keine Mühe verdrießen lassen, wenn
man ähnliche Sichten erleben will, wie der Künstler.
Freilich — im Augenblick haben wir es schön: die Bilder
liegen vor uns, wir brauchen keine Angst zu haben, daß unsere
Kirche von St. Michael