Full text : 1934 (0067)

Allgemeiner Krankheitsbericht.

{m Jahre 1934 erkrankten von 47335 Mitgliedern 19003 mit großen Krankenscheinen, davon
durch Berufsunfälle 5769.
Diese Krankenscheinzahlen sind natürlich kein sicherer Maßstab für den Gesundheitszustand
der Bergleute. Wohl wird von den meisten Arzten übereinstimmend betont, daß infolge des Fehlens
einer Grippeepidemie und wegen des milden Winters sich die Krankheitsziffern der Belegschaft
wie auch der übrigen Bevölkerung in mäßigen Grenzen hielten. Andererseits hielt vielfach die
wirtschaftliche Lage und die Furcht, abgelegt zu werden, Bergleute ab, krank zu feiern oder veranlaßte
 sie, bei ernsteren Erkrankungen die Krankheitsdauer abzukürzen. Auch mit Hilfe von
Erholungsurlaub und Krümperschichten wurde der große Krankenschein oft umgangen. Über unberechtigtes
 Krankfeiern wird zwar wenig geklagt, doch darf hier nicht verschwiegen werden, daß
manche Bergleute sich in den Krankenschein flüchteten, weil ihnen die politischen Verhältnisse auf
den Gruben immer unerträglicher wurden, je näher der Abstimmungstermin heranrückte. So erklärt
sich wohl auch die Zunahme der nervösen Erkrankungen, die besonders bei den Angestellten
heobachtet wurde.
Vereinzelt wird über den mangelhaften Ernährungszustand der Bergleute (z. T. infolge
Überarbeitung) wie auch der Familien geklagt. Bei den Kindern wurden vermehrt Skrofulose und
Erkrankungen der Lymphdrüsen beobachtet. Die von der Verwaltung durchgeführten Kınderheilverfahren
 zeitigten bei den allermeisten gute Ergebnisse. Tatkräftig unterstützt wurden diese Maßnahmen
 durch die von der Deutschen Front ausgehende Kinderverschickung nach dem Reich,
Fast alle Kinder kamen mit erheblichen Gewichtszunahmen zurück. Aus einem Sprengel, in welchem
Kropf bei Schulkindern häufig vorkommt, wird berichtet, daß nach Ablauf der Erholungskuren die
Schilddrüsenvergrößerung sich deutlich zurückgebildet hatte. Der Sprengelarzt, der 80 Schulkinder
daraufhin untersuchte, vermutet, daß der Rückgang auf den Genuß anderen Trinkwassers zurückzuführen
 sel.
Von Infektionskrankheiten muß in erster Linie die Grippe erwähnt werden. Aus allen
Sprengeln liegen recht günstige Berichte vor, besonders aus dem ersten Vierteljahr, in welchem
sonst die Grippe vorherrschend war. Viele Sprengelärzte melden gänzliches Ausbleiben von Grippe,
andere wieder, darunter besonders erfahrene und aufmerksame Beobachter des genius epidemicus,
sprechen wohl von einem gehäuften Auftreten von grippeähnlichen Fällen, wobei jedoch die Formen
mit Beteiligung des Magendarmkanals überwogen, während katarrhalische Erscheinungen der
Atmungsorgane vollständig fehlten, Nach Abklingung der Erkrankung blieb häufig eine hartnäckige
Appetitlusigkeit zurück. Diesem gutartigen Verlauf entsprach auch das Fehlen von Komplikationen,
sodais die Krankheitsdauer sich im Einzelfalle meist nur über einige Tage erstreckte. Sehr viele
Kranke arbeiteten weiter oder unterbrachen die Arbeit nur für kurze Zeit ohne großen Krankenschein.
 In den letzten Wochen des Jahres stellte sich die Grippe wieder häufiger ein, vielfach
begleitet von mehr oder weniger heftigen Mandelentzündungen., Letztere traten auch in vielen
Revieren als Grippeersatz auf und führten auffallend häufig zu Abszeßbildungen. An Grippe erkrankten
 mit großen Scheinen 1515 Bergleute (gegen 3081 im Vorjahre), die alle genasen. 3 Fälle
von Hirngrippe wurden gemeldet, die in Heilung ausgingen.
An Lungenentzündungen erkrankten 133 Bergleute mit 7 Todesfällen, eine offensichtliche
 Senkung gegenüber 1933, die im wesentlichen dem gutartigen Charakter der Grippe
zuzuschreiben ist,
Bezüglich der Lungentuberkulose wird aus den meisten Sprengeln über einen Stillstand
 berichtet, Viele der behandelten waren aus dem letzten Jahre übernommene, demnach alte Fälle,
Die erstmalig in Behandlung gekommenen Fälle blieben hinter den früheren Jahren erheblich zurück,
Die Zahl der an Lungentuberkulose Erkrankten (also alte und neue Fälle zusammen) beträgt 120,
davon starben 12, während 26 pensioniert wurden. Die Sterblichkeit ist in den letzten Jahren
besonders im Vergleich zu den Jahren vor dem Kriege nicht unerheblich gesunken. Dazu trägt
wesentlich bei die möglichst frühzeitige Erfassung der Erkrankten und die” moderne Behandlung,
bei welcher besonders diejenigen Verfahren von heilsamer Wirkung sind, die auf eine Ruhigstellung,
 bzw. Ausschaltung und Schrumpfung der erkrankten Lungenpartie hinzielen. In der Heilstätte
 Sonnenberg wurden 1934: 62 Fälle behandelt mit 5212 Behandlungstagen. Bei den mit
T’uberkulose infizierten Kindern mußte im Berichtsjahre eine sorgfältigere Auslese für die Heilverfahren
 getroffen werden, indem vorwiegend die familiär stärker belasteten und ausgesprochen
aktiven Fälle für Kuren bestimmt wurden. Dadurch wurde vermieden, daß die vielen unterernährten
blutarmen Kinder mit häufig nur im Röntgenbild nachgewiesenen Veränderungen der Lungenwurzeldrüsen
 den wirklich kranken den Platz in den Kinderheilstätten wegnahmen.
Von Typhus wurden nur 6 Bergleute befallen, die alle genasen. Von Ruhr wurde ein
Fall gemeldet.
            
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