Full text : 1933 (0066)

Allgemeiner Krankheitsbericht.

Der Krankenbestand im Berichtsjahre zeigt keine erhebliche Abweichung von dem des Vorjahres.
 Von 48554 Mitgliedern im Jahresmittel erkrankten 20334 mit großem Krankenschein gegen
19882 im Vorjahre. Die mäßige Erhöhung der Krankmeldungen ist in der Hauptsache auf das
>pidemische Auftreten der Grippe zurückzuführen. Im übrigen wird auch diesmal von den meisten
Ärzten betont, daß sich die Krankheitsziffern der Belegschaft in mäßigen Grenzen hielten,
Von Infektionskrankheiten bedarf in diesem Jahr die Grippe wieder eingehender
Besprechung. Nachdem im vergangenen Jahre von Ende März bis Mitte April nur eine kurzdauzrmnde
 Häufung von Erkältungskrankheiten infektiöser Art auftrat, war in diesem Jahr wieder der
»pidemische Charakter vorherrschend. Während die ersten 3 Wochen des Januars bei mildem
Winterwetter keinen Anstieg der Krankenziffern zeigten, setzte im Revier mit dem Eintreten einer
Kälteperiode fast schlagartig um den 25. Januar die Grippeepidemie ein, die in anderen Städten
3—14 Tage vorher zum Ausbruch gekommen und zum Teil schon abgeflaut war, Ihren Höhepunkt
erreichte sie in der ersten Februarhälfte, um dann langsam abzuklingen und im Anfang März mit
Einsetzen der wärmeren Witterung zum Erlöschen zu kommen; an manchen Orten verschwand sie
’ast ebenso rasch wie sie gekommen war. Der Charakter war fast durchweg gutartig. Nur 3 Berg-‚eute
 erlagen der reinen Grippe, wahrscheinlich infolge toxisch bedingter Herzschwäche. Die Ansteckung
 war außerordentlich groß, so daß ganze Familien krank lagen, Schulen und Büros sich
‚eerten. In einem Sprengel waren einzelne Orte besonders stark heimgesucht, während benachbarte
Orte, die höher gelegen waren, weniger erfaßt wurden. Kein Lebensalter blieb verschont, wenn
auch Kinder und jüngere Leute häufiger erkrankten, vermutlich weil bei Ihnen keine Immunität von
[rüheren Epidemien bestand. Bei aktiven Bergleuten erkrankten mit großen Scheinen 3081 (gegen
1788 i. V.). Alle Formen der Grippe waren vertreten, am meisten die respiratorische oder katarrhalische,
 weniger häufig die Magendarmgrippe, und am seltensten die nervöse Form. Glücklicherweise
 wurden nur 4 Fälle von Kopfgrippe bei Bergleuten festgestellt.
Der Verlauf im Einzelfall war kurzdauernd. Das Fieber setzte meist sehr hoch ein, zuweilen
mit Erbrechen, sank aber schon am 2. oder 3. Tage zur Norm herab, Die Erscheinungen waren
fast stets dieselben: Starke Rötung des weichen Gaumens, der Mandeln und der hinteren
Rachenwand, Reizhusten mit Gefühl von Brennen hinter dem Brustbein, dazu Kopfschmerzen und
Abgeschlagenheit in den Gliedern. In einer Reihe von Fällen blieb ein längeres Schwächegefühl
zurück. Wiederholt wurde beobachtet, daß Grippekranke, die keinen großen Krankenschein geıommen
 hatten, heftige Rückfälle bekamen, die vielleicht bei rechtzeitiger Bettruhe zu vermeiden
gewesen wären. Außerdem sorgten diese Kranken besonders für eine Ausbreitung der Seuche an
'hrer Arbeitsstätte,
An Komplikationen traten auf: Entzündungen der Nasennebenhöhlen, des Mittelohres, (bes.
Rückfälle früher überstandener Eiterungen, trockene Rippenfell- und Lungenentzündungen), die bes.
lie Kranken in höherem Alter ergriffen. Auch Entzündungen einzelner Kopfnervenäste und peri->herer
 Nerven, wie Ischias, wurden bes. als Nachkrankheit nach Grippe beobachtet, Leider ist
auch nicht selten eine schlummernde Lungentuberkulose durch die Grippe zum Aufflackern gekomnen.
 Begünstigt durch eine Kälteperiode im November häuften sich auch am Ende d. Js. wieder
lie Erkältungskrankheiten und damit auch die Grippefälle. Wenn es auch nicht immer möglich
st, beide streng auseinander zu halten, so konnte doch der infektiöse Charakter durch das gehäufte
Auftreten in ein und derselben Familie unzweifelhaft festgestellt werden. In Neunkirchen wurde
Jurch die Folgen der Gasometerexplosion am 10. Februar 1933 der Verlauf der damals herrschenden
 Grippe kompliziert. Dadurch, daß es tagelang keine Wohnung gab, in der sämtliche Fensterscheiben
 ganz waren, ferner durch die überstürzte Flucht in mangelhafter Bekleidung in den Regen
ıinaus, gab es eine Reihe von Erkältungskrankheiten,
An Lungenentzündung erkrankten 232 Bergleute mit 14 Todesfällen (gegen 171 und
2 Todesfälle im Vorj.); diese Zunahme ist im wesentlichen auf die Grippeepidemie zurückzuführen.
Die auffallend geringe Sterblichkeit (6%), die übrigens der Ziffer in der Mortalitätsstatistik für
Deutschland entspricht, hängt mit der oben erwähnten Gutartigkeit der Grippe zusammen, doch
;rägt, wie aus mehreren Berichten hervorgeht, auch die moderne Chininbehandlung zum günstigen
Ausgang bei. In einem Sprengelort trat Lungenentzündung als Grippe-Komplikation unter den
Kindern geradezu epidemieartig auf, meist doppelseitig; der Verlauf war gutartig.
Über die Lungentuberkulose lauten die Berichte aus den einzelnen Sprengeln sehr
verschieden. Während die meisten Knappschaftsärzte einen Stillstand, d. h. weder eine Abnahme
ıoch einen Fortschritt feststellen zu können glauben, wird in einer Reihe von Sprengeln mit
Sicherheit von einer Abnahme gesprochen. Eine eigentliche Zunahme unter den Bergleuten ist
ın keinem Sprengel nachzuweisen, dagegen wird sie in 2 Sprengeln bei Familienangehörigen und
dei der übngen Bevölkerung festgestellt. Die Zahl der an Lungentuberkulose mit großem Schein
            
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