Full text : 1932 (0065)

Allgemeiner Krankheitsbericht.

Die Zahl der krankfeiernden Mitglieder hat sich im Jahre 1932 außerordentlich niedrig
gehalten. Von 50233 Mitgliedern im Jahresmittel erkrankten nur 19882 mit großen Krankenscheinen
davon durch Berufsunfälle 5634.
Diese niedrigen Krankenscheinzahlen sind natürlich kein sicherer Maßstab für den Gesundheitszustand
 der Bergleute. Wohl wird von den meisten Aerzten übereinstimmend betont, daß
infolge des Fehlens von größeren Epidemien und wegen des milden Winters, der keine gehäuften
Erkältungskrankheiten begünstigte, sich die Krankheitsziffern der Belegschaft, wie auch der übrigen
Bevölkerung in mäßigen Grenzen hielten. Andererseits war es aber vor allem die ernste wirtschaftliche
 Lage, die die Bergleute abhielt, krank zu feiern, oder sie veranlaßte, bei ernsteren
Erkrankungen die Krankheitsdauer abzukürzen. Die von vielen Aerzten beobachtete Zunahme der
Sprechstundenberatungen dürfte zu einem Teil auf die zahlreichen Feierschichten, zum anderen
auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß die Bergleute in vielen Fällen bestreht sind, ihren
Erholungsurlaub zu nehmen, wenn sie sich krank fühlen,
Aus diesen Gründen wurde auch in keinem ärztlichen Bericht über Simulation und unberechtigtes
 Krankfeiern geklagt. Gemeldete Verdachtsfälle wurden rasch von der Krankenkontrolle
aufgegriffen und einer Nachuntersuchung unterworfen,
Die durch die wirtschaftliche Lage und zum Teil durch Stillegung einzelner Gruben bedingte
Zunahme von Entlassungen hat andererseits wieder eine Erhöhung der Krankenscheinziffer gebracht
und zwar von solchen, die die Pensionierung erstrebten, um nicht auf die Erwerbslosenunterstützung
angewiesen zu sein.
Im Rahmen der in den verschiedenen Zweigen der Sozialversicherung eingeführten Sparmaßnahmen
 wurde vom 1. August ab die 10 %%ige Arzneikostenbeteiligung eingeführt. Den Aerzten
ist eine sparsame und wirtschaftliche Verordnungsweise zur Pflicht gemacht; bei Ueberschreitung
eines bestimmten Regelbetrages werden sie nunmehr zur Erstattung eines Teiles der Kosten herangezogen.
 In der Verordnung erprobter und wirksamer Heilmittel in allen ernsten Krankheitsfällen
soll der Arzt jedoch nach wie vor ungehindert sein.
Von mehreren Aerzten wird über eine sich immer stärker bemerkbar machende Unter- oder
Mangelernährung sowohl der Bergleute wie ihrer Familien geklagt. Bei den Frauen zeigen sich
die ersten Erscheinungen der vitaminarmen Ernährung am deutlichsten, aber auch an den schlecht
aussehenden Kindern und an der sinkenden Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. wird dies
augenfällig.
Von Infektionskrankheiten ist vor allem die Grippe zu erwähnen, die als Epidemie einen
durchaus gutartigen Charakter zeigte. Ende März setzte sie ein, dauerte bis Mitte April, um dann
noch bis in den Mai Nachzüglerfälle zu bringen. Der Verlauf war im Ganzen leicht, bei Kindern
allerdings, die mehr als die Erwachsenen erkrankten, häufig durch katarrhalische Lungenentzündung
kompliziert. Befallen wuıden in der Hauptsache die oberen Luftwege, die Schleimhäute der Nase
und ihrer Nebenhöhlen, auch der Rachen und der obere Abschnitt der Luftröhre. Die Krankheitsdauer
 erstreckte sich im Einzelfalle bei glattem Verlauf nicht über 8 Tage. Komplikationen waren
nicht selten: Trockene Rippenfellentzündung, Lungenentzündung, besonders bei Kindern und alten
Leuten, Stirnhöhlenkatarrh, Mittelohrentzündung, vereinzelt auch Herzaffektionen und Ischias, Ganz
vereinzelt zeigte sich auch die nervöse Form mit Andeutung von Kopfgrippe. In einem Sprengel
wurden zwei schwere Grippefälle beobachtet, die unter typhusähnlichen Erscheinungen begannen.
jedoch einen günstigen Verlauf nahmen.
In den letzten Wochen des Jahres trat die Grippe wieder vermehrt auf, die Ansteckung
erfolgte in den Familien von einem zum andern. Auch hier war der Verlauf leicht und nur die
oberen Luftwege waren ergriffen.
An Grippe erkrankten mit großen Scheinen 1788 Bergleute, (im Vorjahre 4429), von denen
einer starb.
An Lungenentzündung erkrankten 171 Bergleute, von denen 22 starben. Die Mortalität
 beträgt also 12,8% und sogar 31 % der durch innere Erkrankung herbeigeführten Todesfälle,
Es ist zu hoffen, daß durch die sich mehr und mehr einbürgernde Chininbehandlung der tötliche
Ausgang dieser Krankheit immer häufiger verhütet wird.
            
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