Full text : Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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Wenn der Herr Diözesanpräses von Rottenburg meint: „Es ist in
der Hitze des Kampfes..... zu wenig beachtet worden, daß das
Wirtschaftssysten der Berliner in der Gewerkschaftsenzyklika mit
leinem Worte empfohlen sei“, so irrt er sehr oder er hat die Enzyklika
nicht ganz studiert. Das Gegenteil steht klar darin. Aber Herr
staplan Vogt scheint zu wenig beachtet zu haben,
a) daß aus guten Gründen der Papst hervorhebt,
daß die Streitfrage keine rein wirtschaftliche ist,
und daß sie nicht mit Hintansetzung der kirchlichen
OAbrigkeit, an deren Weisungen die Berliner sich
strikte halten, gelöst werden kann; b) daß der Papst
die großen Gefahren der interkonfessionellen
Vereinigungen für Katholiken betont haty), c) daß
2) Zu denken gibt ohne Zweifel auch ein Artikel in dem Modernistenei
 gDdas neue Jahrhundert“ (Nr. 47 vom 24. November 1912). Hier war
zu lesen:
„Die Gewerkschaftsenzyklika sieht im Zusammenwirken von katholischen
und evangelischen Arbeitern in ei ner Vereinigung Gefahren für das religiöse
und sittliche Leben der Katholiken. Sie will das wirtschaftliche und soziale
Leben dem Spruch der Kirche unterordnen. Damit greift die Kirche un—
berechtigterweise in die Angelegenheiten unseres nationalen Lebens ein und
vertieft die konfessionelle Spaltung aufs schärfste.
Für alle nationalen Katholiken Deutschlands ist es Pflicht, gegen diesen
Uebergriff und diesen neuen Spaltungsversuch Protest zu erheben.
Wir deutschen Katholiken wollen mit unsern andersgläubigen Mit—
bürgern auf allen Gebieten des nationalen Kulturlebens in herzlichster Ge—
meinschaft zusammen arbeiten. Unsere Auffassung von Religion und
Sitte verbietet uns eine weitere konfessionelle Zer—
klüftung unseres öffentlichen Lebens. Konfessionelle Sozialpolitik ist ein
Verbrechen an Religion und Vaterland zugleich. In rein wirtschaftliche Auf⸗
gaben lassen wir die Kirche nicht hineinreden.
Die national und fortschrittlich gesinnten Katho—
liken, die sich um das „Neue Jahrhundert“ und die Krausgesellschaft scharen,
müssen es ablehnen, die Kirche als Instanz in wirt—
schaftlichen, sozialen und politischen Fragen zu er—
kennen. Sie hoffen auch, daß die ebenso denkenden Katholiken, die in den
christlichen Gewerkschaften seit Jahrzehnten mit ihren evangelischen Standes—
genossen zusammen arbeiteten, jetzt ebenso energisch unberechtigte Zumutungen
zurückweisen; denn sie sind mit uns von folgenden Grundsätzen überzeugt:
Das wirtschaftliche und politische Leben hat seine
eigenen Gesetze. Zwar muß es auch unter sittlichen Gesichtspunkten ge—
führt werden, aber die spezifischen Konfessisonssätze und
Kirchenlehren müssen dabei außer Betracht bleiben. Die
fittlichen Normen des wirtschaftlichen und politischen Lebens müssen auf einer
allgemeinmenschlichen, allen Teilnehmenden gemeinsamen Grund⸗—
bage stehen. Die Vernunft und die Bedürfnisse des gemeinsamen Lebens
sind hierbei Führer; die Kirche und die Konfession haben nichts mitzusprechen.
Kirche und Religion können nicht die Aufgabe haben, wirtsgastuce und
politische Richtlinien zu geben; ihnen steht die Pflege anderer Interessen zu.
Wir fordern, daß die Kirche sich aus dem wirtschaftlichen und politischen
Leben zurückziehe zu ihrer eigentlichen religiössen Ausgabe. Wir wollen
Katholikensein nur in unserem religiösen Leben; da aber,
wo wir mit unseren andersgläubigen Volksgenossen zu arbeiten haben, im
ganzen Handel und Wandel unserer Nation, da wollen wir Deutsche
sein und nur dies; eine auswärtige Instanz gibt es da für uns nicht!“
Daß die christlichen Gewerkschasten Sympathien bei dem deutschen
Mobernistenorgan sinden, das gibt — wie wir bereits andeuteten — zu denken.
            
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