Full text : Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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der Tatsachen gibt aber der Erklärung des Gewerkvereins christlicher Berg—
arbiter (Bezirk Saarrevier) recht: „Die Berliner fielen uns in den Rücken. Ehe
noch bindende Versprechungen seitens der Bergverwal—
wunggemacht waren, erklärten sich die Berliner gegen den Streik und
nützten dadurch nur der Bergverwaltung.“
Man fragt sich in der Tat, woher dieses Vertrauen auf die Bergver—
waltung auf einmal kommen soll? Jedenfalls haben die Arbeiter ein historisch
und psychologisch tief begründetes Mißtrauen. Das hat leider jetzt eben wieder
Nahrung bekommen durch die unbegreifliche, trotz Ministerwort erfolgte Ab—
legung einiger Sicherheitsmänner in Püttlingen, die inzwischen allerdings auf
Wink von oben wieder zurückgenommen ist. Und Mißtrauen macht äußerst
empfindlich, das hätten die Geistlichen am meisten bedenken sollen.
Auf diesem Punkte zeigt sich auch die ganze Gefährlichkeit und,
fügen wir richtig hinzzu, Unhaltbarkeit des Berliner,‚Syste ms“.
Der Geistliche trägt letzten Endes die Verantwortung für die wirtschaftlichen
Maßnahmen des Verbandes und das Odium fällt auf die Kirche. Das muß
einmal deutlich ausgesprochen werden, weil hier eine Gefahr für die geistliche
Autorität und die Entwicklung des religiösen Lebens an der Saar ruht. Der
Geistliche darf nicht zum Arbeitersekretär werden. Das wäre „gemäß den
katholischen Grundsätzen“, wie sie der Heiland entwickelt, wo er bei Lukas 12,
13 und 14 die Bitte des Erben: „Meister, sage meinem Bruder, daß er teile
mit mir die Erbschaft“, scharf zurückweist: „Mensch, wer hat mich aufgestellt
als Richter oder Verteiler über euch!“ So haben auch die Apostel gesprochen
und gehandelt, als die Griechen-Christen wider die Juden-Christen murrten,
„daß bei der täglichen Bedienung ihre Witwen zurückgesetzt blieben“. Da
sagten sie (Apg. 6, 2) grundsätzlich wahr und bedeutsam: „Es ist nicht ent—
sprechend, daß wir das Wort Gottes verlassen und Tische bedienen.“ Das
weist den einzig möglichen Weg zur Sicherung der geistlichen Autorität.
Videant consules!
Wir finden in dem Artikel die bekannten weisen Sprüche der
Christlichen, aber auch eine ganz falsche Auffassung der dem Klerus
der katholischen Kirche vom Papste gegebenen Weisungen und des
Berliner Verbandes. Das wichtigste in der Gewerkschaftsfrage sind
wohl die Grundsätze, die in Beurteilung der wirtschaftlichen Fragen
in Anwendung kommen sollen. Die Berliner wollen hierin sicher
gehen und Irrungen ausweichen; darum halten sie sich offen und
genau an die Weisungen des Papstes. Sind sie deshalb zu tadeln?
Die Berliner sind auch stets bereit, ihr Programm zu ändern, falls
der Papst darin etwas Tadelnswertes finden sollte, sei es in der Lohn—
und Streikfrage, sei es in den Organisationsfragen wirtschaftlicher Ver—
bände. Eine solche Ergebenheit gegen die Kirche, die ja in diesen
Fragen mitzureden hat, ist wahrlich erhebend und beruhigend für ein
katholisches Priesterherz. Da nun das Berliner System grundsätzlich
eingerichtet ist nach den Weisungen der Bischöfe im Fuldaer Pastorale
1900), nach den Lehren der Enzyklika Rerum novarum (1891) und
Singulari (1912), so geht der Anwurf ,Gefährlichkeitund
Unhaltbarkeit“ des Berliner Systems im letzten
Gßrundegegen Rom, den Heiligen Vater selbst; und
erscheint uns deshalb geradezu als standalss.
Die Förderer der christlichen Gewerkschaften nennen das Wirt—
schaftssystem der Berliner „verfehlt“; der Papst aber hat es nach ein—
gehender Prüfung wiederholt belobigt und allgemein empfohlen s(siehe
Motto S. 3), gerade deshalb, weil sie als katholische Organisation
offen der Kirche folgen. Andere setzen einen Ruhm darin, offen zu
zeigen, daß sie nicht der Kirche folgen, und daß sie von ihr sich keine
Weisungen geben lassen wollen, auch in Fragen, die nicht rein wirt—
            
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