Full text : Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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lichst viel Saarbergleute für die Ruhrgruben anzuwerben. Gegenwärtig sind
schon einige Agenten hier, die Leute gewinnen wollen. Wenn sie I jetzt
noch wenig Erfolg haben, so wird ihre Tätigkeit während des Streiks wesent—
lich erleichtet. Die jungen Leute werden gern abwandern und die Eltern
werden sie dann kaum zurückhalten wollen. Der früher so stark ausgeprägte
Heimatssinn hat nachgelassen, besonders bei der Jugend. Schon jetzt kann
man vielfach hören: wenn wir im Streik unterliegen en dann schnüre
ich mein Bündel und gehe nach Westfalen. Selbst alte Leute, die Haus- und
Grundbesitz haben, sagen dies.
Die Bergleute können den Streik recht Iange aushalten. Vor
dem 2. Januar wird es nicht zur Arbeitsniederlegung kommen. Im ganzen
Monat Dezember wird gearbeitet. Infolgedessen haben die streikenden Berg—
leute noch während vier bis fünf Wochen Streikzeit genau denselben Lohn,
als wenn sie arbeiten, denn im Januar muß ihnen der im Dezember ver—
diente Lohn ausbezahlt werden. Einen Monat kann es daher jeder Streikende
gut aushalten. Hinzu kommt für diejenigen Bergleute, die bis zum 2. Januar
dem Gewerkverein beigetreten sind, die Streikunterstützung. nz läßt
sich der Streik acht bis zehn Wochen halten. In acht, höchstens aber vierzehn
Tagen würden auch die Hüttenbetriebe ruhen, denn ihr Kohlenvorrat reicht
nicht länger. Dann aber würden auch die Hüttenbesitzer und mit ihnen die
ganze Oeffentlichkeit dem Bergfiskus zusetzen.
Die öffentliche Meinung ist über die Haltung der Bergverwaltung ent—
rüstet. Diese Entrüstung wird steigen, wenn der Streik ausgebrochen ist.“ Auch
der Preußische Landtag wird sich mit dieser Angelegenheit zweifellos be—
schäftigen. Wenn dann Gelegenheit gegeben wird, von der Landtagstribüne
herab die Verhältnisse auf den Saargruben zu schildern, dann wird das
bureaukratische Machthabersystem einen bösen Stand haben.
Von Bedeutung ist auch, daß es sich teilweise um einen Abwehr—
streik handelt, weil die Bergverwaltung eine Arbeitsordnung, die vor
21 Jahren schon Ursache eines Streiks war, jsetzt noch mit wesentlich schlech—
teren Bestimmungen für die Arbeiter versehen hatte. Die Forderung nach
höheren Löhnen wird allgemein als berechtigt anerkannt werden müssen,
zumal im Saarrevier die Lebenshaltung nicht billiger ist als an der Ruhr.
Wichtige Momente sprechen zugunsten der Arbeiterschaft. Käme der Streik,
dann würde die Existenz des Saarbergbaus gefährdet werden. Angesichts der
verhältnismäßig leichten Erfüllbarkeit der Arbeiterforderungen wäre es daher
unbegreiflich, wenn die Bergverwaltung es soweit kommen lassen wollte. Noch
ist es Zeit zum Entgegenkommen.“
Es ist begreiflich, daß durch solche Artikel und dementsprechende
Agitationsreden die Streikstimmung genährt wurde, so daß die „Köln.
Volksztg.“ am 31. Dezember (Ar. 1146) berichtete:
„Ein gewaltiges Stück Arbeit hat es die Gewerkschaftsführer gebkostet,
die Mehrheit der Vertréeter der Belegschaften davon zu
überzeugen, daß ein Waffenstillstand agewendig sei,
wenndas Erreichte nicht in Frage gestellt und die Berg—
leute vor der Oeffentlichkeit snicht) ins Unrecht gesetzt
werden sollten“, und ferner: „Die Gewerkschaftsführer sahen sich in
eine heikle Lage versetzt; die erregten Massen forderten den Streik.“
Wahr ist, daß bald nach Weihnachten die „Köln. Volksztg.“ zum
Rückzug geblasen hat, ohne daß wesentlich mehr erreicht war, als was
schon am 11. Dezember 1912 zugesagt wurde. Der Leser vergleiche mit
obigem Artikel der „Köln. Volksztg.“ vom 24. Dezember 1912 und den
darin gepriesenen Streikaussichten das, was am 31. Dezember 1912
Nr. 1146 die „Köln. Volkztg.“ nach der Revierkonferenz der Christlichen
schreibt:
„Dieser Ausgangeist erfreulich. Einmal im Interesse der Saar—
bergleute, denen der sosortige Streik keinen Erfolg, sondern nur eine
            
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