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und durch Aufreizung der Arbeiter. Sonst huldigt man dem unchrist—
ÿ Grundsatz: „Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den
Schädel ein“
4. Es kommt uns sonderbar vor, daß die „Köln. Volksztg.“ kein
Loblied der Haltung der Berliner singen kann, die aus guten Gründen
zu streiken keine Lust hatten. Versichert doch die „Koͤln. Volksztg.“
in Nr. 24 vom 9. Januar 1913, daß sie „selbst niemals den Streik befür—
wortet habe“, und mißt sie sich selbst das Verdienst bei, „energisch zur
friedlichen Beilegung gemahnt zu haben“. Da wäre ja zwischen der
Haltung der Berliner und derjenigen der „Köln. Volksztg.“ in der
Saararbeiterbewegung kein wesentlicher Unterschied gewesen! Inwie—
weit es indessen mit der Tendenz der Artikel der „Köln. Volksztg.“ vor
Weihnachten stimmt, daß sie niemals den Streik befürwortet habe,
mögen ihre Leser selbst beurteilen. Erwähnt sei nur der Artikel vom
24. Dezember 1912 Nr. 1128: „Hat ein Streik der Saarbergleute Aus—
sicht auf Erfolg““ Die Streikaussichten werden darin so rosig geschil—
dert, daß den Arbeitern davon der Mund wässerig werden mußte. Es
sei hier der Artikel abgedruckt:
„Die in mehreren Zeitungen erschienenen Auslassungen, welche einem
eventuellen Streike von vornherein jede Erfolgsmöglichkeit absprechen, ent—
prechen nicht den tatsächlichen Verhältnissen. Die Bergwerksverwaltung
scheint diesen Auslassungen nicht fern zu stehen. Tatsächlich steht die Sache so,
daf; der Streik für die Arbeter außerordentlich günstig
nseinen Aussichten wird, wenn etwa 30-bis 40 000 Saarbergleute
die Arbeit einstellen. Genau genommen brauchen es nicht einmal so viel zu
sein, denn auf den Saargruben sind nicht ganz 50 Prozent der Arbeiter
mit der Kohlengewinnung beschäftigt. Wenn es soweit kommt, daß
diese 5630 Prozent, das sind rund 25000 Mann, in den
Streitk treten und ssandhalten, dann wird er gewonnen
werden. Es besteht die ziemlich sichere Aussicht, daß
diese Zahl mindestens erreicht wird. Dies wird auch dann
noch der Fall sein, wenn unter den 835000 Unterschriften eine Anzahl Ge—
älligkeitsunterschriften wären. Als Grund für den günstigen Ausgang
des Streiks für die Arbeiterschaft ist zunächst die allgemein günstige
wirtschaftliche Lage in der Kohlen- und Eisenindustrie zu
erwähnen. Die im Frühjahr aufgestapelten großen Lagerbestände sind ver—
schwunden, trotz enormer Steigerung der Förderung, und zurzeit herrscht auch
im Saarrevier Kohlenknappheit. Die Kohlenpreise sind gestiegen. Die Saar—
gruben werden für das Geschäftsjahr 1912,13 einen Mehrgewinn von acht
bis neun Millionen Mark, gegenüber dem Vorjahre, erzielen.
Durch den im Ruhrrevier herrschenden Wagenmangel ist dort
ein großer Förderausfall entstanden. Die Ruhrzechen vermochten ihre
eigenen Aufträge nicht einmal zu decken. Es besteht daher kaum die Gefahr,
daß während eines Streiks größere Mengen Kohlen für den preußischen Berg—
fiskus frei gemacht werden können.
Auch' die Bergleute des Ruhrreviers werden schwerlich bereit sein,
durch Ueberschichten eine Förderungssteigerung zu ermöglichen. Dies ist
umsoweniger zu erwarten, weil allein im Laufe der letten anderthalb Jahre
2500 Saarbergleute nach dem Ruhrrevier verzogen sind.
Bei dem Verhältnis zwischen dem preußischen Bergfiskus und den
Privatgrubenbesitzern an der Ruhr werden sich diese wohl vom Fiskus nicht
als Lückenbüßer gebrauchen lassen. Die privaten Grubenbesitzer aller Reviere
und hauptsächlich die im Ruhrrevier sind Gegener des Staatsbergbaues. Die
Privätbergwerke werden verfuchen, dem Fisküs Kunden abwendig zu machen,
namentlich in den strittigen Grenzgebieten.
In dem Augenblick, wo der Streik ausgebrochen ist, werden eine An—
zahl Agenten aus dem Ruhrrevier an die Saar reisen, um mög—