Die Christlichen haben Koßmann vorgeworfen, daß er zu den ver⸗
schiedenen staatlichen Behörden gegangen sei. Koßmann hat dabei nie
Rechte der Arbeiter preisgegeben oder deren Interessen gefährdet. Als
Reichstagsabgeordneter hätte er gewissermaßen die Pflicht, alle Schritte
zu tun, die ohne Schaden für die Arbeiter geeignet schienen, einem für
die ganze Bevölkerung des Saarreviers schädlichen Streik vorzubeugen.
Er hatte doch wohl nicht nötig, sich dazu eine Erlaubnis vom Gewerk—
verein der Christlichen geben zu lassen. Diese haben auch Sriue zu
den staatlichen Behörden getan. Sie haben ohne Einverständnis der
Berliner durch die VBermittelung des nationallibera—
len Reichstagsabgeordneten Bassermann und des
Vorsitzenden des nationalliberalen Wahlvereins
des Kreises Saarbrücken am 23. Dezember 1912 bei der Kgl.
Bergwerksdirektion günstige Zusagen zu erreichen gehofft. Aber auch
in dieser Audienz wurde wesentlich nicht mehr erreicht, als in Berlin
beim Handelsminister bereits am 11. Dezember versprochen war.
Es ist ein großer Segen fürs ganze Saarrevier, daß dem Elend
eines Streiks vorgebeugt werden konnte. Wer am meisten dazu beige—
tragen hat, darüber soll hier nicht gestritten werden. Wenn aber die
Berliner von vornherein so für den Streik agitiert hätten, wie die
Christlichen, dann wäre es fraglich gewesen, ob die Streikstimmung
hätte überwunden werden können. Was die Berliner bereits am
15. Dezember 1912 eingesehen haben, daß ein Streik unter den gege—
benen Verhältnissen nicht das richtige Mittel sei zur Besserung der Lage
der Bergarbeiter, das hat am 30. Dezember 1912 auch die Mehrheit
der Christlichen glücklicherweise begriffen.
Nach dem Berichte der „Köln. Vztg.“ v. 31. Dez. 1912 wurde auf
der Revierkonferenz (der Christlichen) am 30. Dez. die
Erfolgmöglichkeit eines Streits fast allgemein
verneint. Sie läßt den Generalsekretär Steger⸗
wald also die Delegierten bereden: „aus einem
Streik könne für die Bergleute jetzt nichts Gutes
herausspringen; der Maͤnister könne, wenn ein
Streiktrotzdem entstehe, auf sein Entgegenkomme,n
hinweisenund die Bergleuteinder Oëffentlichkeit
in Mißkredit bringen; es sei ein Verbrechen, einen
Streitf zum 2. Januar unter den jetzt veränderten
Umständen zu empfehlen“.
Das klͤngt am 30. Dezember bei den Christ-—
lbichen ähnlhich, wie am 15. Dezember bei,den Berli—
nernin der Rede Koßmanns ünd der Resolution.
Die Christlichen hatten sich getäuscht; sie hatten im Anfang der
Streikbewegung gemeint, im Flug fast alle Saarbergleute durch die
Streikagitalion für ihre Organisation zu gewinnen. Doch die Saar—
bergleule waren einsichtsvoll und klug zu ihrem eigenen Nutzen und
dem aller anderen Berufsstände.
Man hat öfters in der Streikbewegung hingewiesen auf die großen
Erfolge eines Streiks, wenn alle Bergarbeiter einig seien, und fiel
dabei'nur über die Berliner her, denen man vorwarf, sie störten die
Einigkeit. Dabei unterschätzte man erstens vor dem 29. Dezember auf
christlicher Seite die Schwierigkeit, die vielen unorganisierten Bergleute
außer den Christlichen und Berlinern — zirka 30 000 Unorganisierte —
für den Streik zu gewinnen. Diese hatten eben auch ihre Willens⸗