Full text : Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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Kameraden! Ich frage euch, enthält die neue Arbeitsordnung eine
einzige Bestimmung von auch nur annähernd solcher Härte, als wie sie hier
in dem Vorschlage der christlichen Führer vorgesehen ist? Wenn ich die
Neigung besäße, andern schlechte Absichten zuzumuten, dann würde ich sagen:
Hier liegt eine beabsichtigte Schädigung der Arbeiterschaft vor, allein das
sage ich nicht. Ich will nicht annehmen, daß die Absicht die Arbeiter zu
— V
ungeheuerlichen Konfusion befinden, sie wissen nicht, pas sie wollen.
Das mag ihnen wohl auch zum Bewußtsein gekommen sein, als sie dem
Handelsminister von Sydowerklärten, daß sie die Ber—
antwortung für die gegen die neue Arbeitsordnung ge—
richteten Saarpostartikel ausdrücklich ablehnen.
Kameraden! Gibt es denn wirklich jemanden im Saarrevier, der so
naiv wäre, zu glauben, die Artikel der „Saarpost“ wären nicht im Sinne
der christlichen Streikagitatoren geschrieben oder gar von diesen inspiriert
worden? Es ist geradezu ein Sktandal, daß solche Männer, die nicht den
Mut haben, für ihr Werk an maßgebender Stelle die Verantwortung zu
e e, dahin streben, daß 50000 Bergarbeiter ihr Wohl und —*
ihren Händen anvertrauen.
Kameraden! Ist da nicht die Befürchtung am Platze, als ob man auch
den Bergarbeitern ein Burbach bereiten wolle? Erinnert euch, wie damals
andere Führer der Christlichen 3000 Arbeiter in den Streik hetzten, um sie
einige Tage darauf bedingungslos wieder in die Hütte zu schicken mit der
der Hüttenverwaltung durch Leonhard Wernerus öffentlich abgegebenen Er—
klärung: „Wir geben zu, daß wir voreilig und unüberlegt gehandelt haben,
aber wir haben es gut gemeint.“ Nun die gute Meinung in allen Ehren,
aber Männern, die fähig sind, in so wichtigen Dingen unüberlegt und vor—⸗
eilig zu handeln, dürfen denkende Arbeiter ihre Sache nicht anvertrauen.
Kameraden! Die christlichen Agitatoren mögen selbst eingesehen haben,
daß um der neuen Arbeitsordnung ihnen der Boden unter den Füßen zu
wanken anfing und so haben sie sich auf der Revierkonferenz am 16. Dezember
eine größere ——— für ihre Streikagitation geschaffen, indem sie die
Lohnfrage in den Vordergrund schoben, die bisher nur nebenbei behandelt
worden war. Was nun die Lohnfrageé angeht, so sind wir uns wohl alle einig
in der Ansicht, daß die Löhne im Saarbergbau zum großen Teil zu niedrig
sind und einer Aufbesserung dringend bedürfen. Nemand hat das mehr
erkannt und niemand ist entschiedener für ordentliche Löhne im Saarrevier
eingetreten, als die katholische Arbeiterorganisation. Seit 1905 war die
Lohnfrage auf allen unseren Delegiertenversammlungen, in tausenden von
Mitgliederversammlungen Gegenstand eingehender . wieder⸗
holten Malen haben wir der Bergverwaltung, dem Minister und dem Preu—
zischen Abgeordnetenhause unsere diesbezüglichen Forderungen unterbreitet.
Das im Preußischen Abgeordnetenhause durch den Abgeordneten Roeren s. Zt.
vorgebrachte Tatsachenmaterial über die Verschuldung der Saarbergleute war
das Ergebnis langer und schwieriger Erhebungen, die unsere iaoh Be⸗
rufsorganisation angestellt hatte. Gegen die Feierschichten vor zwei Jahren
hat wohl niemand mehr anzukämpfen derae als wir. Und auch gegen⸗
wärtig betrachten wir die Lohnfrage der Bergarbeiter des Saarreviers als
die wichtigste Frage, um die wir uns zu kümmern haben. Insbesondere ist
es die Ungleichheit der Löhne in den einzelnen Grubenabteilungen, bei viel—
fach gleich schwerer und gefahrvoller Arbeit der Kameraden. Die Lage der
Unfallrentenempfänger ist am allertrostlosesten. Unsere Forderung für sie
geht dahin, daß sie so entlohnt werden sollen, daß sie mit Lohn und Rente
dem Lohne gleich kommen, den sie im Falle der Nichtverunglückung verdienen
würden. Auch fordern wir eine möglichste Gleichstellung der Bergarbeiter—
löhne im Saarrevier mit denen im Ruhrrevier, soweit die dage des Saar⸗
bergbaues dieses gestattet. Wenn auch die Möglichkeit höherer Löhne infolge
der günstigeren Absatzbedingungen und Transportmittel im Ruhrrevier vor—
handen ist, so sind wir doch der Meinung, daß die immerhin ansehnlichen
            
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