Full text : Memorandum zur Bergarbeiterstreikbewegung im Saarrevier 1912 - 13

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Laut „Saarbr. Volksztg.“ (Nr. 24 vom 30. Januar 1813) hatte in Alten—
kessel am 19. Januar eine sozialdemokratische Versammlung stattgefunden.
Eine Gegenversammlung wurde seitens der christlichen Gewerkschaften ein—
berufen. Während in der roten Versammlung der Saal die Besucher nicht alle
fassen konnte und die sich bildenden Lücken stets wieder von neuem angefüllt
wurden, erschienen von den 300 christlich Organisierten Altenkessels nur ganze
37 Mann zu der Gegendemonstration. War schon diese Erscheinung bedauer—
lich, so ist sie doch bedeutend höher in Rechnung zu setzen, daß die christlich
organisierte Jugend, die Herrn Leimpeters so gewaltig den Triumphhogen
bauen half, in der Gegenversammlung fehlte. Und —* hätte sie gerade
anwesend sein müssen, um einzusehen, wie sehr Leimpeters es am 19. ver—⸗
standen hatte, durch eine Kette von Unwährheiten seine Zuhörer irrezuführen.
So mußte es den Irregeleiteten leider vorenthalten bleiben, ihre grundfalschen
Anschauungen zu berichtigen. Vorsitzender Baltes (Altenkessel) zeigte in der
Eröffnungsansprache, wie blutnotwendig eine bessere Schulung der Arbeiter
an der Saar sei. Die Roten und die Gelben wollten sich den Mangel an
Schulung dienlich machen. Die christliche Gewerkschaft müsse mit vermehrter
Kraft an die Kleinarbeit gehen. Solche Disziplinlosigkeiten dürften nicht mehr
auftreten, wie am letzten Sonntag, wo die eigenen Mitglieder dem Sozial⸗
demokraten Leimpeters Beifall spendeten und die christlichen Redner durch
Zwischenrufe störten. Das Referat hatte Bergmann Georg Becker (Neudorf),
der in trefflicher und eingehender Weise die von Leimpeters am 19. Januar
gemachten Ausführungen zurückwies und dabei gleichzeitig die Stellungnahme
Stegerwalds gegen den Streik rechtfertigte. Er tadelte alsdann mit Recht,
daß in der sozialdemokratischen Versammlung so viele christliche Gewerk—
schaftler Leimpeters Beifall gespendet und daß gerade Kameraden der Gewerk—
schaft ihn gestört hätten, als er Leimpeters entgegengetreten sei. Im weiteren
polemisierte Herr Becker Fen den „Bergknappen“ wegen dessen Angriff gegen
den Bischof von Trier. Er zeigte, wie sehr ein solches Vorgehen der Gewerk—
schaft schaden könne, verteidigte das bischöfliche Schreiben und führte den
Nachweis, daß der Bischof nicht mehr getan habe, als die anerkannten Freunde
der christlichen Gewerkschaften. Klug, wie alle weitblickenden Leute, hatte
Herr Becker bereits durch seinen Vortrag indirekt die Begründung gegeben
zu einer Resolution gegen die Entgleisung des „Bergknappen“. In dieser
Resolution verurteilt die Zahlstelle die Entgleisung des „Bergknappen“, weil
das Schreiben des Bischofs aus wohlwollendem Herzen komme, die Lage
richtig begriffen und im Rahmen seiner bischöflichen Befugnis läge. Die
Auslassung des „Bergknappen“ spreche dem Bischof die ihm zustehende
Autorität ab. Die Zahlstelle sei der Ansicht, daß die Auslassungen des „Berg—
knappen“ dessen Kompetenz überschreiten. Sie gelobt der isihen Gewerk—⸗
schaft Treue, die katholischen Mitglieder der Zaählstelle versichern aber auch,
dem Bischof ebenso unverbrüchliche Treue zu wahren. Der Herr Referent
hatte aber seine Rechnung ohne die — Mitglieder gemacht. Man spendete
ihm Beifall, trat aber eingehend in eine Diskussion über die Resolution ein.
Deren Verlauf ist vom christlichen Standpunkte aufs tieffte zu beklagen. Als
auf Wunsch der erste Artikel des „Bergknappen“ vorgelesen wurde, riefen die
Anwesenden zum Teil gerade bei den beleidigenden Stellen „Sehr richtig!“
„Bravo!“ Herr Becker bekam einen bösen Stand, behauptete sich zwar sehr
wacker, konnte aber niemand überzeugen. Alle Redner, die zur Resolution
sprachen, waren gegen die Resolution und billigten in allen Teilen die Aus—
lassungen des „Bergknappen“. Ein Herr namens Meyer Malstatt) meinte
sogar, er bedauere, wenn überhaupt davon etwas in die Oeffentlichkeit käme,
daß hier eine solche Resolution eingebracht worden sei. Die Ausführungen
der Redner lassen sich kurz dahin zusammenfassen: Wir billigen die Stellung⸗
nahme des „Bergknappen“. Der Bischof hat uns ungeheuren Schaden ange⸗
richtet. So hat er uns schon 1892 schwer geschädigt. Es ist traurig, daß die
Bischöfe sich sonst um nichts kümmern, nur wenn wir unsere Lage verbessern
wollen. Sie sollen ihre Finger daraus halten. Diese Sachen gehen die Geist—⸗
lichen und die Bischöfe nichts an. Nur durch die Taktlosigkeit einer Zeitung
kam der Brief, der geheim bleiben sollte, an die Oeffentlichkeit. Wir sollen
            
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