Full text : Vaterlandsliebe

Meine Erlebnisse aus dem Kriege 1820/014.
(Aus dem Tagebuch des herrn Dr. Anacker.)

„Ein guter Geist hatte dem Direktor hollenberg des Saarbrücker
Gymnasiums eingegeben, das Abiturienten-Cxamen am 11. Juli zu beginnen.
Denn noch war die letzte (französische) Arbeit nicht gemacht, und schon hatte
Frankreich Deutschland den Hhandschuh hingeworfen, den dies mit der vollsten
Zuversicht aufnahm. So hatten wir Abiturienten nun das erreicht, was
sich so viele Kommilitonen heimlich wünschten, — durch den Sturm und
Drang, wie er mächtiger noch nicht dagewesen war, die Mangelhaftigkeit
ihrer Arbeiten entschuldigen und womöglich an dem ganzen Examen vor⸗
beikommen zu können. Die allgemeine Begeisterung erfaßte auch unsere
ohnehin schon erhitzten Köpfe. Alle gestellungspflichtigen Rekruten, Keservisten,
Candwehrleute — wurden durch Bekanntmachung mit der Schelle aufge—
fordert, sich unverzüglich nach Engers mit Militärzügen kostenfrei zu begeben.
Alle folgten dem Rufe, auch wir: Bommes, Anacker, Abiturienten; Kraus-⸗
haar, Obersekundaner; Müller, Externer; der Abiturient Artur Cloos trat
freiwillig ein ins Hheer; außerdem Einjährige aus der Stadt und Umgegend.
Mit dem ersten Militärzuge ging es fort nach Engers, wobei die „Wacht
am Rhein“ das Keuchen des übermäßig beladenen Suges überbrauste. In
Engers hatten wir schon Gelegenheit, eine Idee von dem kriegerischen
Ceben zu bekommen. Das bunteste Lagerleben in den Gärten und Feldern,
unter Entbehrungen aller Art; kein Quartier, kein Essen, kein Trank, ein
wogendes Menschenmeer. Durch viele Sturmangriffe, die wir auf einen
greisen Oberstleutnant machten, erreichten wir nach drei Tagen, daß wir
auf unsern Wunsch nach Andernach überordert wurden, wo sich das Ersatz⸗
bataillon des 69. Regiments bildete. Wir hatten die Ehre, die Fundamente
des „Schwammes“ zu bilden; denn sämtliche Ersatzrekruten waren noch zu
hause oder im Anmarsch.
Jede Kompagnie bestand aus 7—28 Mann — zu Männern hatten wirs
also schon gebracht — und im Bataillon wurde schon exerziert, trotz Sivil⸗
kleidern. Wohl flog manches zarte hütchen in den Sand, wohl krachte
manches feine höschen bei dem Kommando: „Kumpf vorwärts beugt!“ —
doch alles mit Gott für König und Vaterland. Bekamen wir ja doch bald
die Uniformen, den Gegenstand unsers ungeduldigsten Harrens. EAls wir
nun erst den Fahneneid geschworen hatten, da nahm es jeder von uns mit
einigen Turkos auf. Deutschland, du konntest nicht unterliegen, da du
solche Musketiere in Reserve hattest!
sAls das Bataillon gebildet war, setzten wir über den Rhein, ich weiß
nicht, ob aus Furcht, oder um Spione zu jagen, wobei meine Kompagnie,
            
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