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Viele Erinnerungen aus der Kriegszeit, sagt herr Brandt, sind mir
wohl deshalb entschwunden, weil mich selbst, unmittelbar nach dem Frank—
furter Frieden, ein noch mit dem Krieg zusammenhängender Fall traf, der
mich für einige Monate lahm legte.
Die Gymnasiasten Becker, ein in seinem äußern, wie nach seiner Ver⸗
anlagung etwas sprunghafter Mensch, und Kraushaar, von nettem und
liebenswürdigem Wesen, beide etwas dichterisch veranlagt, hatten schon in
der Sekunda in dichterischem Wettbewerb zu einander gestanden; trug
Becker an einem Tage während einer Pause vom Ratheder herab seine
neueste dichterische Leistung vor, so konnte man bestimmt darauf rechnen,
daß an einem der nächsten Tage Kraushaar von derselben Stelle aus eine
Parodie auf Becker's Gedicht vorlas, die stets viel mehr Beifall fand, als
das Urbild. Das muß sich Becker sehr zu herzen genommen haben, es
entstand in ihm offenbar der Wahn, Kraushaar sei sein unter allen Um—
ständen zu vernichtender Feind. Uraushaar wurde nun bei Beginn des
Seldzuges durch sein Eintreten ins heer dem Uuge Beckers entzogen,
doch offenbar nicht seinen Rachegelüsten. Vom FSriedensschluß ab
(10. Mai 1871) fragte Becker (inzwischen in Unterprima) uns wieder—⸗
holt, wenn wohl Kraushaar zurückkehre, jetzt nach dem Friedensschluß
müsse er doch bald wieder in die Klasse eintreten. Keiner konnte ihm Ge—
naues sagen. Inzwischen hatte sich wohl der Rachegedanke zum krank—⸗
haften Wahn bei ihm ausgewachsen, denn eines Tages (24. Mai 1871)
nachmittags in der Unterrichtspause um 3 Uhr gab der in der Mitte der
hintersten Reihe sitzende Becker plötzlich Revolverschüsse ab und zwar zunächst
auf Eybisch, der neben ihm saß, und der als Stubengenosse von Kraushaar
dessen Parodien immer am meisten beklatscht hatte — 2 5chüsse in den
Kopf, dann noch 3 Schüsse, von denen ich einen in den Kopf und einen
in die linke Achsel bekam. Eybisch wie ich kamen mit dem Leben davon.
Bei mir dauerte die Genesung Monate, sodaß ich im Sommersemester weder
die Klasse besuchen, noch das Abiturienten-Cxamen machen konnte; letzteres
legte ich dann zu Beginn des Wintersemesters 1871/72 in abgekürzter Form
ab. So klaffte im Ende meines Schülerdaseins eine große Lücke, und ich
habe auch von den früheren Mitschülern, außer Eybisch und Dörmer, im
späteren Leben Niemand wiedergesehen. Becker wurde, wie ich noch be—⸗
merken will, im herbst 1871 vor den Assisen freigesprochen, weil zeitweilig
unzurechnungsfähig, und soll dann später lange Zeit als harmloser Irrer
bei seinem Vater gelebt haben.
Don meinen übrigen Mit-Abiturienten Artur Cloos, Ulrich Cloos,
Wilhelm helm, Bommes und hermann Anacker wurden Bommes und Anacker
sofort nach dem mündlichen Cramen zum Militär einberufen. Urtur Cloos
trat freiwillig ein. Ebenso wurde einberufen Moritz Müller (später Arzt
in St. Johann), ferner der Obersekundaner Kraushaar und Licht. Letzterer