Full text : Vaterlandsliebe

Eine hübsche Episode darf ich hier nicht übergehen, die gewiß allen,
die sie mit zu erleben Gelegenheit hatten, unvergeßlich bleiben wird.
Es war am 4. NHugust. Plötzlich, wie ein „deus ex machina“, kommt
von St. Johann her im Galopp ein Braunschweiger husar einhergesprengt,
über die Brücke bis herein nach Saarbrücken. Von meiner am Schloßberg,
vis à vis von der Schloßkirche gelegenen „Bude“ kann ich alles sehr gut
beobachten, es sind nur 200 Schritte Entfernung. Die Franzosen, voll⸗
kommen bestürzt und kopflos, nehmen vor diesem einzelnen Reiter Keißaus,
daß die „Lappen fliegen“ und die langen, blauen Rockschöße flattern. Am
nahen Schloßbrunnen hat ein anderer Trupp von Franzosen die Gewehre
an die Wand angelehnt. Sie waschen sich und trinken Wasser. Auch
diese werden mit fortgerissen. Alle laufen, „gauve qui peut“, ihrem
Tager zu, die Gewehre im Stich lassend. Der tollkühne husar feuert seinen
Uarabiner auf die Fliehenden ab; er muß gut gezielt haben, denn die
Uugel blieb am dritten Stock im Dachkandel des Landerichtsgebäudes
stecken. Jetzt wirft er sein Pferd herum und reitet unter dem Beifall⸗—
zlatschen der Umstehenden im Trab zurück nach St. Johann. Die Franzosen
kehrten, nachdem sie sich von ihrem Schreck erholt hatten, allmählich, aber
sehr vorsichtig zu ihren Gewehren zurück. Für ihr mutiges Verhalten
ernteten sie das hohngelächter aller, die Seuge dieser komischen Szene
gewesen waren.
En einen Wiederbeginn des Schulunterrichtes war vorläufig gar nicht
zu denken: denn wer wußte, ob nicht vielleicht die nächste Stunde einen
straßenkampf uns bringen würde? Am 5. AHugust vormittags entschloß
ich mich daher, nach meinem etwa 6 Stunden rückwärts von Saarbrücken
gelegenen heimatsort zu meinen Eltern zurückzukehren. Die Bahnverbindung
war unterbrochen, ich machte mich daher zu Fuß auf den Weg. Die Straße
nach Dudweiler, welche ich passieren mußte, wurde von den französischen
Geschossen bestrichen, sobald sich nur eine preußische Patrouille zeigte. Eine
Strecke weit war der Weg auch für mich nicht ungefährlich. Indessen ich
duckte mich an den häusern entlang und war bald außer dem Bereich
ihrer Geschosse. Vor Dudweiler passierte ich einen Doppelposten Rürassiere.
An der Chaussee halten die stahlgepanzerten Riesen auf ihren KRiesengäulen.
Bei ihrem Uinblick überkam mich ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit.
Ich wurde dem Feldwach-Kommandeur, einem Rürassieroffizier, vorgeführt.
Auf einem Feldstuhl sitzend, mustert er mich scharf. Ich trug ein Paketchen
in der Hand, meine Turnjacke enthaltend; eine weitere Legitimation ver—
mochte ich nicht vorzuzeigen. Trotzdem läßt der Offizier den jungen
Gymnasiasten auf sein „ehrliches Gesicht“ hin passieren. Bald hatte ich
nun auch die heimischen Penaten erreicht, woselbst die besorgten Eltern
erwartungsvoll meiner harrten.

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