alle vor.“ Unsern Lehrern erging es nicht anders. Sie waren mehr am
Fenster als auf dem Katheder.
So verstrichen die Tage bis zum 2. August. Wir waren zum Unterricht
wie gewöhnlich angetreten, allein es dauerte nicht lange, als ein Ulan in
Karriere am Gymnasium vorbei die Wilhelmstraße hinunterraste. Die
Bevölkerung lief teils in eiligen Schritten hin und her, teils standen die
Ceute mit erwartungsvollen Mienen in Gruppen zusammen.
Jetzt wird gar eine Kanone vorbeigefahren; Artillerie hatten wir
seither noch nicht gesehen. Die Situation schien ernst: heute geht's gewiß los!
Es war ein sehr heißer Tag, für den Nachmittag war uns vom
Direktor Beneficium Caloris angesagt. Draußen aber auf der Straße
wurde es immer lebhafter, die Schritte der Passanten eiliger. So ent—⸗
ließ man uns denn noch vor Beendigung des Vormittags-Unterrichts, un⸗
bestimmt auf wie lange Zeit. Auf dem Nachhausewege begegneten uns
die 40er, wie sie mit klingendem Spiel und flatternder Fahne den Schloß⸗
berg hinaufzogen nach der höhe. Bald knatterte es lebhaft. — Das
Gefecht vom 2. August hatte begonnen.
Meine alte, gute Wirtin hatte in ihrer Angst nichts Eiligeres zu tun
gewußt, als beim Beginn des Gewehrfeuers den Kleiderschrank vor das
Fenster zu schieben, damit keine Kugel eindringen könne. Ihr Sohn hielt sie
davon ab, er war Primaner, erklärte dies für Feigheit und führte die
weinende Alte mit sanfter Gewalt in ein anderes, weniger gefährdetes
Zimmer. Wir beide begaben uns zu einem anderen Primaner, dessen
Wohnung im dritten Stock am Schloßberg gelegen war. Da konnten wir
deutlich die Franzosen von den Preußen unterscheiden. hier war es auch,
wo ich den ersten Verwundeten gesehen habe. Einer von unseren husaren,
auf einer offenen Tragbahre liegend, die Stirne verbunden, wurde nach
dem Militärlazarett gebracht. Ein zweiter husar, dem gleichfalls das Blut
unter der Pelzmütze heruntertropfte, ritt hinterher, das Pferd seines schwer
verwundeten Kameraden führend.
Unsere A0oer wichen vor der erdrückenden Übermacht der Franzosen
vom Winterberg in die Straßen von Saarbrücken zurück, setzten aber von
hier aus ihr Feuern fort. Dicht vor uns, am Schloßberg, stand eine Sektion
der 40er. Sie steckten ihre Gewehre durch das eiserne Geländer hindurch
und konnten so, „aufgelegt“ schießend, ihr Verderben bringendes Blei mit
größerer Treffsicherheit nach der französischen Position hinübersenden. Bald
jedoch zogen sich unsere 40er über die beiden Saar-Brücken nach der auf
dem anderen Saarufer gelegenen Schwesterstadt St. Johann zurück.
Ungemein interessant gestaltete sich später der Cinzug der Franzosen in
Saarbrücken. Der „siegreiche“ General Frossard reitet auf goldgezäumtem