Full text : Vaterlandsliebe

Von welchem Kampfesmut die damaligen Gymnasiasten beseelt waren,
beweist folgende Schilderung vom 2. August, die mir von herrn Ober—⸗
sekretär R. Stork an der Agl. Regierung zu Trier zugeschickt wurde.
herr Stork war im Jahre 1870 Obertertianer des Gymnasiums und
trat später aus Unterprima zur Regierung über.
Die Unruhe der Saarbrücker Gymnasiasten, von welcher wir ergriffen
waren, erzählte er, erreichte am 2. August ihren Hhöhepunkt. Am Morgen
dieses Tages lag es auf allen Gemütern wie eine Vorahnung unmittelbarer
Ereignisse. Besonders mein Freund Siegfried Cl. konnte sich nicht beruhigen.
Er hatte einen Bruder als Leutnant bei einer der rheinischen Batterien
stehen, und da er selbst schon etwas älter war als die Durchschnittstertianer,
fühlte er gewissermaßen in seinem Innern die Verpflichtung, auch mitzutun.
sAls in der Sehnuhrpause zwei Geschütze im Eilschritt über den Cudwigs—
platz zur Bellevue rückten, gestaltete sich Siegfrieds Unruhe zum Sieber,
mit welchem er uns alle ansteckte. Von 10 bis 11 Uhr sollten wir aus
Cäsars „de bello gallico“ lateinische Weisheit und weiß Gott, was sonst
noch schöpfen, aber ich weiß es noch wie heute, daß in dieser Stunde uns
alle logischen und grammatikalischen Feinheiten der lateinischen Sprache,
alle überlegene Kriegskunst des genialen Römers, alle Schlappen der
windigen Gallier gleichgiltig waren. Unsre Sinne waren bei den Geschützen
auf der Bellevue, am alten Exerzierplatz. Beim ersten Schlage der Glocke
stürmten wir hinaus; da es Dienstag war, endete der Untericht in Tertia
um 11 Uhr. Siegfried und ich ließen die Bücher in der KRlasse liegen
und stürmten hinauf über den hahnen zur Bellevue, zu den Geschützen, den
Gegenständen unseres Sehnens. Unserm Sturme und unsrer Sehnsucht
sollten sich aber nur zu bald schier unüberwindliche Hindernisse entgegen—
stellen. Rasselndes Infanteriefeuer beflügelte immer mehr unsere Schritte.
Beim Eintritt in die Metzerstraße trat uns ein vollständig armierter Gendarm
entgegen, der uns mit den Worten: „Zurück Jungens!“ von unserem Vor⸗
haben abbringen wollte.
Doch hiermit wurde unser Eifer nicht gedämpft, sondern nur noch
mehr aufgestachelt. Wir stiegen weiter die Straße hinan, bis zum letzten
hause. Dort hörten wir schon die Chassepotkugeln über unsere Köpfe
pfeifen und in den Bäumen und Sträuchern der gegenüberliegenden Gärten
einschlagen. Ein im Fenster eines hauses am Wege liegender älterer
Mann zankte uns weidlich aus, um uns auf diese Weise zur Umkehr zu
veranlassen. Seine Worte bewirkten aber gerade das Gegenteil. Siegfried zog
aus der linken Rocktasche eine vorsündflutliche, lange zu hause schon ge—
ladene Pistole heraus, setzte ein Zündhütchen auf's Piston und steckte mit
größter Gelassenheit die Pistole wieder in die Tasche, indem er zu dem
verdutzten Alten sagte: „Die bekommt heute noch ein Franzos zu schmecken.“
Der Mann überließ uns kopfschüttelnd unserm Schicksal und zog sich, augen⸗
            
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