Full text : Vaterlandsliebe

uns und in einem Nachbarhause Aufnahme und Erquickung fanden. Eine
Stunde später ließen sich auch schon die Franzosen in unserer Nähe sehen;
sie machten mit ihren langschößigen Waffenröchen und dem eigentümlich
schleppenden Schritt einen wenig militärischen Eindruck. Zwei derselben
erschienen auch in unsern hause. Man bewirtete sie gleich unten rechts
in dem vorderen Schulsaal, wo kurz vorher noch unser Vierziger gesessen
hatte. Sie betrugen sich übrigens sehr anständig, wie ihnen dies, da wir
ja jetzt französisch bleiben sollten, aufs strengste anbefohlen worden war,
schrieben ihre nNamen in dort zurückgebliebene Schulhefte ein und ver—
langten zuletzt Rotwein, um ihre eigenen etwa anderthalb Liter fassenden
Feldflaschen, sowie die von etwa einem Dutzend ihrer Kameraden zu füllen,
die sie mitgebracht hatten. Das war denn eine ziemlich starke Zumutung,
und als man ihnen nun den Rotwein mit Wasser mischte, schüttete einer
derselben beim Fortgehen den Inhalt seiner Flaschen unmittelbar an der
Tür wieder aus.
So waren wir denn die folgenden drei Tage in der hand der Feinde.
Bei einem Kuftrag, den ich in der Nähe zu besorgen hatte, sah ich sie,
jeder ein Brot auf dem Bajonett aufgespießt, einzeln daherkommen und
auf die in der noch etwas ländlichen Talstraße sich herumtreibenden hühner
schießen. Ein andermal begegnete ich auch dem General Frossard, der
von einer Eskorte Chasseurs begleitet, still und schweigsam die Spicherer⸗
bergstraße herabgeritten kam. Natürlich war aus dem ganz von den
Franzosen besetzten St. Arnual die Milchfrau ausgeblieben; ich begleitete
unser Dienstmädchen dahin, und beide kamen wir wohlbehalten zurück.
Cinen besonders ungünstigen Eindruck machte es auf mich, wie auf der
großen Dorfstraße neben den reihenweis aufgestellten Gewehrpyramiden
Brot und andere Nahrungsmittel zertreten im Staub lagen. In diesen
Tagen brachte der Vater die ältere Schwester, die eine Stelle in England
angenommen hatte, zu Wagen ungefährdet über die alte Brücke nach dem
auf der St. Johanner Seite gelegenen Bahnhof. Diese Brücke wurde
jedesmal, wenn ein kecker Ulan oder husar den verwegenen Kitt nach
saarbrücken hinein unternahm, von den die Stadt beherrschenden höhen
aus mit Geschossen überschüttet. Wie freudig schlug unser Herz, wenn wir
oon unsern Fenstern aus die wackeren Leute nach glücklich vollführten
Keiterstückchen wieder zurückkehren sahen! Sehr possierlich muß es aber
ausgesehen haben, als, wie Vater erzählte, ein Bürger mit aufgespanntem
Kegenschirm die Brücke passierte, wahrscheinlich, um sich gegen den drohenden
Kugelregen zu schützen. Auch einzelne Frauen aus dem Volk flüchteten,
das Oberkleid, wie sie es bei Regen tun, über den Ropf geschlagen,
eiligst hinüber. Doch war im Grunde die Lage ernst genug; man denke
nur, was aus der armen Stadt geworden wäre, hätten am 6. August
statt der Preußen die Franzosen gesiegt!
            
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