etwas verwachsene Näherin, Sabine genannt, die gerade im hause half,
war vor Angst in Tränen aufgelöst, weil sie glaubte, nicht mehr zu den
Ihrigen gelangen zu können. URuch einige Schülerinnen aus der Umgegend
hatte Vater bei sich zurückbehalten, bis sie abgeholt wurden; eine aus dem
benachbarten Dorf St. Arnual brachte er gegen Abend selbst nach Hause
und erzählte bei seiner Rückkehr, wie artig und zuvorkommend die fran—⸗
zösischen Offiziere ihm begegnet seien, während die französischen Soldaten
ihren Vorgesetzten nicht nur den militärischen Gruß verweigert, sondern
sie auch noch verhöhnt hätten. So sehr war ihnen der große Sieg über
das häuflein braver Vierziger zu Kopfe gestiegen!
Doch ich habe damit den Ereignissen um einige Stunden vorgegriffen.
Die Bravour unsrer Krieger war bewundernswert. Wir sahen sie in
einzelnen Gruppen sich hinter die Bäume der EAllee vor unserm hause und
hinter andern Deckungen postieren und schießen, einige kamen auch durch
unser Haus, um vom Garten aus nach dem haldyschen Pavillon hinauf zu
feuern, wo ich die Rothosen stehen sah. Die Offiziere hatten Mühe, das
kleine Häuflein über die alte Brücke nach St. Johann hinüber zum Rückzug
zu bewegen, aber auch auf der Brücke selbst legten sie sich platt nieder und
feuerten nach den höhen hinauf. Als nun das Feuer immer heftiger
wurde, trat an den Familienvater die ernste Pflicht heran, nach Möglichkeit
das Leben der Seinigen zu schützen. „Wer zwischen dem Seuer der Franzosen
und Preußen in der Mitte wohnte, wie der Schreiber dieses Berichts —
so erzählt er selbst in den „Erlebnissen“ — mußte nach beiden Seiten hin
sich zu schützen suchen. Wir versuchten dies durch Deckung der Fenster mit
Matratzen, flüchteten uns aber schließlich in die gewölbten Keller. Dort
saßen wir des Ausgangs harrend und sagten von Seit zu Seit mit den
Kindern zusammen einen jener Psalmen, wie Psalm 46 oder 23, die jetzt
ganz besonders mit zur Rüstung des Tages gehören. Der kleine, noch
nicht vierjährige Friedrich schlief bei all der Unruhe auf dem Schoße der
Mutter friedlich ein.“
Es folgte eine ängstliche Stille, nur noch von vereinzelten Schüssen
unterbrochen. Wir wagten uns hervor; daß aber die Vorsicht des Vaters
keine unberechtigte war, das bewiesen die zahlreichen Kugelspuren an der
Vorder- und hinterseite des Hauses und das durchlöcherte Dach. Ganz
erschöpft stellte sich ein Vierziger bei uns ein; er war in der Nähe von
5t. Arnual mit einem andern Kameraden durch das Feuer der Franzosen
gezwungen worden, hinter der Böschung des damals sehr niedrigen Saar—
kanals eiligst Deckhung zu suchen. Von dort waren die beiden über die
für gewöhnlich unter dem Wasserspiegel befindlichen scharfen Steine auf
händen und Füßen Saarbrücken zu gekrochen, bis sie hinter der hohen,
steil gegen das linke Saarufer abfallenden Stützmauer der herrenallee
Schutz und mit ihren zerschundenen händen und zerrissenen Uniformen bei