Cehrer Otto stand, eine Kugel in die Fensterwand gefahren und dann, wie
herr Otto dem Verfasser selbst sagte, platt zu Boden gefallen. herr Otto
brauchte die Schüler nicht mehr zu entlassen, denn ehe er sich umsah,
flüchteten diese schon mit dem Schreckensrufe: „Es wird geschossen!“ aus
der Klasse ins Freie. Gleich darauf läutete die Schulglocke, und wir wurden
alle nach Hause geschickt. Wie schon oben bemerkt, saß herr Adolf Brandt,
der jetzige Geheime Ober-Baurat, damals in Prima. Die Prima hatte,
wie er uns erzählte, nach dem Stundenplan von 11-12 hebräisch bei
herrn Professor Ley, einem sehr kleinen und sehr ängstlichen älteren Herrn.
Da hebräisch wahlfrei war, nahmen nur einige daran teil, meiner
Trinnerung nach nur Bier, Dörmer und ich. Als Hherr Ley 5 Minuten
nach 11 Uhr bei uns eintrat, war er sehr aufgeregt und fragte uns, ob
wir trotz der näherrückenden Gefahr den Unterricht wünschten. Wir be—
jahten die Frage, wohl aus jugendlichem Übermut, um das Benehmen des
ängstlichen Herrn in gefahrvollem Moment kennen zu lernen. Er legte
nun zwar den (unvermeidlichen) Cylinder und seine Bücher auf den Katheder,
schlug aber kein Buch auf und war nach seinem Benehmen jederzeit auf
dem Sprunge, zu enteilen.
Nach wenigen Minuten, während welcher man lebhaftes Gewehrfeuer
hörte, und wo infolgedessen keinerlei Aufmerksamkeit herrschte, fiel eine
heftige Gewehrsalve (oder ein Kanonenschuß); in demselben Moment hatte
unser herr Ley schon Bücher und hut ergriffen und war spurlos ver—⸗
schwunden, ohne ein Wort zu sagen; wir folgten ihm natürlich sofort, und
es war auch die höchste Zeit, da unser heimweg schon von französischen
Kugeln bestrichen wurde.
Zu derselben Zeit schrieb Paul Brandt, damals in der Serta, bei
herrn Dr. Krohn ein deutsches Diktat über die Ermordung Cäsars. Eben
war der Imperator, so erzählt Paul Brandt, von 23 Dolchstichen durchbohrt
an der Bildsäule seines früheren Gegners, des Pompejus, niedergesunken,
— da öffnete sich auch bei uns die Tür, um den herrn Direktor einzulassen,
der mit mahnenden Worten die Schüler nach Hause entließ. So trollte ich
denn, froh der unerwarteten Freiheit, mit dem Schulranzen auf dem Rücken
ganz unbefangen den gewohnten Weg nach Hause und mußte mich, an der
alten Saarbrücke angekommen, nur wundern, daß drüben jenseits der Saar
auf der großen St. Johanner Wiese, die bei der großen Dürre jener Hugust⸗
tage völlig ausgetrocknet war, allerwärts kleine Staubwölkchen aufflogen,
deren Ursache ich mir um so weniger erklären konnte, als ich bei der
enormen Schußweite der Chassepot-Gewehre keinerlei Knattern hörte. So
kam ich, allerdings durch die hohe Schutzmauer des alten Schlosses völlig
gedeckt, ganz harmlos bis in die Nähe unseres Hauses, wo mir denn von
oben sehr energisch gewinkt wurde, mich unverzüglich in den Schutz des
hauses zu begeben. Droben fand ich einen gelinden Jammer, die gute,