Full text : Vaterlandsliebe

Schon bevor unsre Füsiliere ihre Stellung erreicht hatten, wurde der
Crerzierplatz mit Granaten beworfen. Auch das daselbst stehende Wirts—
haus zur Bellevue, in welches sich eine große Schar Neugieriger vor
einem plötzlichen Gewitterregen geflüchtet hatte, war mehrfach getroffen
worden. Glücklicherweise war kein Zuschauer verletzt worden. Außer den
Granaten fing auch das Fernfeuer der weittragenden Chassepots, das ein
wirksames Erwidern mit dem Zündnadelgewehr noch garnicht gestattete,
an, seine Wirkung auf Entfernungen geltend zu machen.
Die in der Front mit lebhaftem Elan vorgehenden feindlichen
Tirailleure hatten sich beherzt dem von uns besetzten Hang bis auf etwa
100 Schritte genähert, dann sich niedergeworfen und uns mit einem über—⸗
wältigenden Schnellfeuer überschüttet. Noch hielt unsre dünne Linie stand,
aber die CLage fing an von Minute zu Minute kritischer zu werden. Huf
Verstärkungen war nicht zu rechnen, und mit ernster Besorgnis sah man
bereits dem unausbleiblichen Ausgang des ungleichen Kampfes entgegen,
als zu unserer aller Überraschung der Feind, anstatt zum Angriff über—⸗
zugehen, Kehrt machte und schnell, wie er gekommen, in der Kichtung
auf die Folster höhe zurückging. Was die Franzosen damals zu der rück⸗
gängigen Bewegung veranlaßte, sollte ich heute, nach 34 Jahren, aus dem
Munde des ehemaligen Gegners und nunmehrigen Reisegefährten erfahren.
„SFest entschlossen, erzählte der französische Offizier, und gerade im
Begriff, den offenbar schwächeren Feind aus seiner Stellung herauszuwerfen,
 hatten unsre Truppen den Zuruf ihrer Offiziere: „à la bayonette“
mit Jubel begrüßt, und unbeschreiblich war die Wut und Scham, als statt
des sehnlichst erwarteten: „en avant“ der sofortige Rückzug nach dem
Drahtzug befohlen wurde und zwar auf die Meldung hin, daß stärkere
feindliche Abteilungen, von Saarbrücken im Anmarsch, unsern rechten Flügel
zu umfassen drohten. An uns lag es nicht, daß wir damals vor Ihnen
auswichen, wir waren eines besseren Lohnes wert.“
Als der alte Soldat, dem man es wohl anmerkte, wie der tief—
verborgene Groll in ihm wieder aufwallte, geendet hatte, fiel es mir wie
Sschuppen von den Augen, und nur aus Rücksicht auf den erregten Erzähler
unterdrückte ich meine Bewegung. Die Ursache des französischen Rückzuges
war mir jetzt klar.
Die uns zur rechten Zeit gewordene hilfe hatten uns unbewußt die
Sschüler des Gymnasiums gebracht, die, als an dem verhängsnisvollen
Nachmittag die ersten Granaten in der Stadt niederfielen, von dem da—⸗
maligen Direktor hollenberg nach Hause geschickt wurden, anstatt aber
dieser Weisung zu folgen, in hellen Haufen, mit Stöcken und Weinberg—
pfählen bewaffnet, unter lautem Juchhe nach dem in unmittelbarer Nähe
des Crerzierplatzes gelegenen hahnen geeilt waren, um sich von dort aus
die zum ersten Mal tätige französische Artillerie zu betrachten. Die nur
            
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