Full text : Vaterlandsliebe

Da auf unserer Seite dasselbe nicht erwidert worden war, kamen die
Franzosen wahrscheinlich zu dem Schluß, daß unsere Stadt schwach besetzt sei.
sAber auch nach der Kanonade erfolgte das erwartete Vorrücken nicht
sofort. Im Gymnasium wurde der Unterricht wieder aufgenommen, und
Tehrer und Schüler lagen ihrer gewohnten Pflicht ob.

Was der Feind mit seiner Kanonade bezweckte, war bis jetzt unbekannt
geblieben. Allerhand Vermutungen wurden laut. Vielleicht wollten die
Franzosen ermitteln, ob unsere Stadt stark besetzt se. Da die Kanonade
nicht erwidert wurde, schlossen sie auf das Gegenteil, d. h. mit anderen
Worten, sie wollten durch ihre Kanonenschüsse nur Fühlung gewinnen.
Manche aber meinten, u. a. der verstorbene Töchterschuldirektor Herr Brandt,
daß die Franzosen, wie man sagte, es nur auf ein in der Nähe liegendes
deutsches Kartoffelstück abgesehen hatten, denn kaum hatten sich vor ihren
Heschossen die entferntesten deutschen Vorposten zurückgezogen, als sie sich
auf das Kartoffelfeld stürzten und es leerten. Doch in diesem Falle hatten
sie ihren eigenen CLandsmann bestohlen, denn die Kartoffeln gehörten zu—
fällig dem Maire von Spichern, der in diesem Jahre das deutsche Kartoffel⸗
stüch gepachtet hatte. Glaubhafter scheint jedoch die Erklärung zu sein,
die uns von einem Mitkämpfer gegeben wurde, der in den ersten Kriegs⸗
tagen vor den Mauern unserer Stadt im 40. Füsilier-Regiment auf dem
xerzierplatz an der Verteidigung des Platzes teilnahm. Wir geben daher
dem Erzähler, der seine Mitteilung s. 5. in der „Saarbrücker Zeitung“ ver⸗
öffentlichte, gern das Wort:
Es war im Jahre 1905, schreibt er, als ich auf einer Tour, die ich
vergangenen Herbst nach der Mosel machte, eine interessante Bekanntschaft
machte. In Saarlouis stieg ein älterer, noch recht rüstiger herr mit dem
Band der Ehrenlegion im Knopfloch zu mir ins Coupé, dessen ganze
haltung, sowie seine Aussprache sofort auf den französischen Offizier
schließen ließ. Unsere gegenseitige anfängliche Zurückhaltung machte bald
einem anregenden Gespräch Platz. Ein Wort gab das andere, und bald
hatten wir festgestellt, daß der Zufall hier zwei alte Kampfgenossen aus
dem Jahre 1870 zusammengeführt hatte. Am 28. Juli 1870 hatten wir
bor Saarbrücken uns gegenüber gestanden, er als CLeutnant im 40 de
bLigne, ich in gleicher Stellung beim 2. Bataillon des Hhohenzollernschen
Füsilier-Kegiments Ur. 40. Es war nachmittags gegen 3 Uhr. Auf dem
Kotenberg hatten die Franzosen eine Batterie angefahren. Auf diese
gestützt hatte eine stärkere französische Infanterie-Abteilung gegen die
7. Kompagnie unsrer Vierziger, denen die Verteidigung des hochgelegenen
Crerzierplatzes oblag, einen Vorstoß gemacht. Sie näherten sich vom
—A— —
            
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