meinem Geiste hervor. Ich schnelle empor, wiewohl erst nach einer Weile,
die schon des Gestrengen Mißtrauen erregt, und fange an zu lesen: „Odi
profanum vulgus et arceo — —“ Aber seltsam, die Gesetze der Metrik
sind in meinem hirn wie weggewischt, ich lese, wie etwa ein neugebackener
Ssextaner die stolze Ode lesen würde, und, um mein Unglück zu vollenden,
kommt mir das, was ich lese, gar nicht lateinisch, sondern spanisch vor.
Kalter Schweiß tritt auf meine Stirn. Ich sehe den herrn Oberlehrer
zornroten Antlitzes vernichtende Blitze durch die Brille sprühen. Der Mann
scheint über der unerhörten Mißhandlung seines Lieblingsdichters die
Sprache verloren zu haben. Doch da hebt er in höchster Wut das Buch
und schlägt es, daß es kracht, auf's Katheder. In demselben Augenblick
erhellt ein Blitz die ganze Klasse, und ein Knall erfolgte, daß die Fenster
klirrten. Die Donnerschläge folgten rasch aufeinander. Gleichzeitig hörte
man dazwischendurch ein dumpfdröhnendes ‚Bum! Bum!“, das ganz anders
klang wie der Donner. herr v. Velsen horchte auf. „Das sind Kanonen!
Wahrhaftig Kanonen!“ hurra Kanonen! jubelte es in unserem Innern,
ich war gerettet und jeder neue Schuß bestärkte uns in der freudigen
hoffnung, daß nunmehr die Schule endgültig geschlossen würde. Plötzlich
wurde die Tür aufgerissen, und der Direktor erschien leichenblaß vor Auf—⸗
regung und sagte hastig: „Geht schnell nach hause, aber nicht nach dem
Cxerzierplatz, dort wird geschossen!“ Wir ließen uns das nicht zweimal
sagen. Aber statt nach Hause zu eilen, liefen die meisten Schüler trotz des
Kegens schnurstracks nach dem Exerzierplatz. Auf halbem Wege begegneten
uns schon Leute, die in wilder Flucht den Berg heruntergestürzt kamen.
In großer hast erzählte man uns, was vorgefallen war. Wie ge—
wöhnlich standen dort auf dem Beobachtungsposten an der Bellevue die
Ceute, als es plötzlich von der Spicherer höhe aufleuchtete, und krachend
eine Granate einige Schritte vor ihnen aufschlug, ohne jedoch zu platzen.
Line zweite war durch die Mauer in das Wirtszimmer gefahren, das zum
Glück einen Augenblick vorher von allen Gästen und dem Wirt in schleu—
niger Slucht verlassen worden war, weil eine Chassepotkugel gleichsam als
Warnerin durchs Fenster über die Köpfe der Insassen hinweg in die hinter—
wand des Zimmers einschlug. Durch die Granate wurde im Zimmer alles
zerschmettert, auch ein Vogelkäfig, ohne jedoch den kleinen Sänger zu
beschädigen, der vielmehr durch das offene Fenster die Freiheit gewann.
Noch immer fielen sausend und krachend Geschosse nieder. Drei bis vier
GBranaten und Schrapnells wurden über unsere Köpfe hinweg bis in die
Nähe des hospitals geschleudert, und ihre Splitter und Kugeln bis in die
Dorstadt geworfen. Nach einiger Zeit verstummte das Feuer des Feindes.